Einmal im Jahr findet im Hexenwald ein großer Zaubertrankwettbewerb statt. Wegen einer falschen Zutat explodieren die beiden Hexenkessel. Ein magischer gelber Regen setzt ein und jeder, der damit in Berührung kommt, wird verhext. Über Nacht verändern die Waldbewohnerinnen ihr Verhalten. Die lieben Waldhexen sind plötzlich frech und die bösen Moorhexen lieb. Selbst die Menschen in Waldheim sind davon betroffen, denn der magische Regen hat auch ihr Dorf erreicht. Nur Kikki und Florina sind verschont geblieben. Zum Glück! Denn so können sie fieberhaft nach dem Gegenzauber suchen. Werden sie es schaffen, die alte Ordnung im Hexenwald wiederherzustellen?

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ISBN: 978-9963-53-415-9

Seiten: 171

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Claudia Donno

Claudia Donno lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Seit 2002 nimmt das Schreiben einen wichtigen Teil in ihrem Leben ein. Daraus sind Geschichten in den Bereichen Kinder, Fantasy, Horror, Krimi und Satire entstanden, die bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Zurzeit arbeitet sie am sechsten Teil der Serie von Kikki Krümel. Eine liebenswerte und oftmals schusselige Junghexe. Die Bücher erscheinen hier im bookshouse-Verlag.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Der Zaubertrankwettbewerb

Sechs Waldhexen saßen mit Kikki am runden Holztisch in der Stube der Oberhexe. Das Kauen ihrer Kiefer war beinahe das einzige Geräusch, das zu hören war. Was daran lag, dass der Berg aus Gebäck, der in der Mitte des Tisches in die Höhe ragte, aufgegessen werden musste.
   Ansonsten waren die Hexen so still, dass sich das Ticken der Wanduhr wie donnernde Schläge anhörte. Wie immer lag der Geruch von frisch aufgebrühtem Froschaugentee in der Luft, der aus einem großen Kessel in der Feuerstelle zu ihnen herüberwehte. Sie alle trugen ihre ältesten und mit Flicken übersäten Röcke, abgenutzte Stiefel und Zauberhüte.
   Von draußen ertönte ein lang gezogenes Pfeifen. Erst einmal, dann fünf Mal. Danach herrschte wieder Ruhe.
   »Sie ist hier! Endlich.« Trixi klang erleichtert.
   »Darf ich das Schreiben reinholen?« Die Frage kam von der siebzehnjährigen Isolde mit der spitzen Nase. Wie immer steckten Blätter und kleine Äste in ihren braunen Haaren.
   Mehrere Augenpaare blickten in Isoldes Richtung. Allen voran, die kohlschwarzen der Oberhexe. Kikki hingegen starrte zur Oberhexe.
   »Erst wird gezählt. So wie immer. Diese Ungeduld von euch Junghexen.« Die Oberhexe schüttelte ihren Kopf.
   Kikki rutschte auf dem Platz neben ihr herum. »Du, Oberhexe. Du hast da was.« Sie tippte mit dem Zeigefinger gegen die lila Wäscheklammer, die in ihren Haaren festgeklemmt war.
   »Oh.« Die Oberhexe zupfte sich die Wäscheklammer aus den Haaren und befestigte sie am Ärmel ihres Kleides. »Die habe ich wohl vorhin vergessen, als ich die Wäsche aufgehängt habe.« Sie blickte auf die Wanduhr, die hinter dem Tisch hing und schmunzelte. »Auf drei zählen wir bis fünfzig. Eins … zwei … dr…«
   »Wieso müssen wir eigentlich immer bis fünfzig zählen?«, fragte Isolde.
   »Weil wir sonst die Hexe, die uns das geheime Pergament hingelegt hat, verzaubern könnten. Wir könnten sie dazu zwingen, uns zu verraten, wo wir die Zutaten für den Zaubertrank finden. Wir müssen ihr schon die Zeit geben, um wegzufliegen. Bei allen Hexen, weshalb fragst du jedes Jahr dasselbe?« Die Oberhexe schnaubte.
   »Nur so«, sagte Isolde kleinlaut.
   »Eins … zwei … drei …«, begannen die Waldhexen von Neuem zu zählen.
   Als sie bis fünfzig gezählt hatten, sprangen sie alle gleichzeitig von ihren Stühlen hoch und hetzten auf die Tür zu.
   »Was wohl dieses Mal drinsteht?« Trixis Stimme überschlug sich. Sie hielt ihre langen schwarzen Haare zusammen und rannte neben ihrer gleichaltrigen Freundin Isolde her.
   Die alte Vallera schlurfte so schnell es ging über den Holzboden.
   Fauna pfiff fröhlich vor sich hin und schlenderte neben Vallera her. Die tierliebe Waldhexe mit dem schmalen Gesicht wollte das Rennen gar nicht gewinnen. Das wussten alle. Deshalb fühlten sie sich auch nicht von ihr bedroht.
   Irmgard, die kleinste von allen, rannte so schnell, wie ihre Beine sie trugen. Dabei hüpfte der Turm aus blonden Haaren auf ihrem Kopf wild auf und ab.
   »Ich will ihn holen. Ich will«, rief Trixi und hatte schon fast die Tür erreicht.
   Nur Kikki und die Oberhexe bewegten sich keinen Meter. Sie standen neben dem Tisch und blickten dem wilden Treiben zu.
   Kikki, weil sie noch nicht beim Zaubertrankwettbewerb mitmachen durfte – und die Oberhexe, weil sie ihren Zauberstab aus ihrem Gürtel gezogen hatte. Sie hob ihn und sagte:

»Wände, Balken und Decken
ihr sollt euch in die Höhe strecken!
Meine Stube soll größer und breiter werden,
und weiterhin meine Geheimnisse verbergen!«

Ein kreisrunder Strahl schoss aus ihrem Zauberstab hervor und breitete sich aus. Kaum berührte er die Wände, wurde die Stube der Oberhexe immer größer und größer. Die Wände entfernten sich voneinander. Die dunklen Balken, die die Decke stützten, wuchsen in die Höhe. Die Tür rückte immer weiter in die Ferne.
   »Das ist unfair«, maulte Irmgard und blieb stehen.
   Die anderen Waldhexen taten es ihr gleich. Sie drehten sich zur Oberhexe um.
   »Immer tust du dasselbe«, kicherte die alte Vallera. »Und jedes Jahr fallen wir darauf rein.«
   »Also, ich finde das witzig«, grunzte die Oberhexe. Ihr runder Bauch hob und senkte sich. »Es ist meine Aufgabe, die Nachricht zu finden und zu lesen. Ihr schussligen Hexen. Ich bin eure Anführerin. Schon vergessen?«
   »Nein, Oberhexe«, erklang es mit wenig Begeisterung im Chor.
   Erneut wedelte die Oberhexe mit ihrem Zauberstab. Die Stube schrumpfte auf ihre normale Größe zurück. Mit wenigen Schritten watschelte sie zur Tür und öffnete sie. Auf der Schwelle lag das ersehnte Schreiben. Mit einem leisen Stöhnen bückte sie sich und hob es auf. Dann drehte sich zu den anderen um und hielt die Pergamentrolle in die Höhe. »Es kann losgehen.«
   »Wurde auch Zeit.« Vallera strahlte und zeigte ihre gelben Zähne.
   »Na, endlich«, fand auch Irmgard. Sie zappelte vor lauter Vorfreude mit den Füßen.
   »Na, dann können wir jetzt los.« Die Oberhexe hielt die Tür auf und blickte auf Trixi, Fauna, Isolde, Irmgard und Kikki, die mit ihren Besen in den Händen an ihr vorbei nach draußen eilten.
   Vallera hingegen brauchte eine Ewigkeit, um vorwärtszukommen. Gemächlich setzte sie einen Fuß vor den anderen. So, als hätte sie alle Zeit der Welt.
   »Hopp. Hopp. Beeil dich!« Die Oberhexe trat hinter sie und schob sie an.
   Kikki verdrehte die Augen. Nur wegen Vallera kamen sie noch zu spät. Erst als Vallera im Vorgarten angekommen war, packte die Anführerin der Waldhexen ihren eigenen Besen und verriegelte mit einem Schlenker ihres Zauberstabes die Tür.
   »Auf was wartet ihr noch? Los gehts.«

Sie rauschten auf ihren Besen zwischen den Bäumen dahin. Kikki sah nach oben. Über ihren Köpfen hingen schwere graue Wolken.
   Mehrere Krähen begleiteten ihren Flug. Nach wenigen Minuten erreichten sie ihr Ziel. Die große Lichtung mitten im Hexenwald.
   Die sieben Moorhexen, die bereits dort auf sie warteten, blickten den Ankommenden entgegen. Sie alle hatten grüne Gesichter und dunkle Haare.
   »Da seid ihr endlich. Jedes Jahr müssen wir auf euch warten.« Ragna, ihre Anführerin, verzog das Gesicht. Ihre strähnigen Haare ließen sie noch unfreundlicher erscheinen, als sie ohnehin schon war.
   »Du weißt selbst, ohne das Schreiben haben wir keine Aufgabe.« Die Oberhexe stieg von ihrem Besen.
   »Ist ja gut.« Ragna verzog den Mund. »Dieses Jahr werden wir Moorhexen gewinnen. Das ist sicher. Ihr werdet es schon sehen. Wir haben geübt, immer und immer wieder. Wir werden jede Zutat finden, die für den Trank nötig ist.« Sie kicherte hexisch.
   »Das werden wir ja noch sehen«, murmelte Kikki.
   Die Oberhexe entrollte feierlich das Pergament. Ihre Nasenflügel weiteten sich. »Einmal mehr verströmt dieses Schreiben den verlockenden Duft von Abenteuer«, schwärmte sie. »So lese ich nun die Aufgabe vor.«

Seid gegrüßt, ihr Hexen!

Willkommen beim alljährlichen Hexentrank-Wettbewerb. Wie seit vielen Jahrhunderten, ist festzuhalten, dass die beiden Hexenkessel genau dreizehn Meter weit auseinanderstehen müssen. Sie sollen die Höhe einer ausgewachsenen Hexe haben und einen hohen Rand besitzen. Nur so ist sichergestellt, dass weder Hexe noch Tier noch der Hexenwald zu Schaden kommen, falls der Trank zu brodeln beginnt.
   Jede Zutat, die der verlangte Zauber benötigt, muss frisch und ohne Zutun von Hexerei, gepflückt, gefangen oder im Hexenkessel beschworen werden.
   Es ist ausdrücklich verboten, einen Zauberstab zu benutzen, solange sich nicht alle Zutaten im Hexenkessel befinden. Genau so, wie es verboten ist, einen schon bekannten Zauberspruch anzuwenden.
   Die Hexenbesen aller Anwesenden haben die beiden Kessel zu bewachen, während ihre Meisterinnen unterwegs sind, um die Zutaten zu sammeln.

Dieses Jahr treten in verschiedenen Teilen des Landes an:

Die Berghexen gegen die Weiherhexen
Die Dunkelhexen gegen Meerhexen
Die Moorhexen gegen die Waldhexen

Der Wettbewerb beginnt jeweils um 14.00 Uhr. Und zwar für alle! Keine Widerrede!!!

Und nun zur Aufgabe:
   Gesucht wird ein Hexentrank, der die Wolken am Himmel in verschiedenen Farben aufleuchten lässt. Die Hexen, die im Norden ihres Hexenwaldes wohnen, sollen die Wolken hellrot aufleuchten lassen.
   Die Hexen, die im südlichen Teil ihres Waldes leben, sollen die Wolken in einem matten Lila leuchten lassen.
   Dieser Zustand soll bis zum nächsten Morgen andauern. Sobald die Sonne aufgeht, soll die Magie der Farben verpuffen. Die Gewinnerinnen des Wettbewerbs werden wie immer eine Auszeichnung erhalten.

Die Zutatenliste findet ihr im Anhang.

Verzauberte Grüße von der diesjährigen Rätselhexe
   Ludmilla Tunichtgut

»Diese Aufgabe hatten wir noch nie.« Die alte Vallera klatschte in die Hände. Nicht in dreihundert Jahren.«
   »Das würde auch keinen Sinn ergeben«, schnaubte Ragna. »Du alte Kröte wüsstest sonst ja, wo wir alles finden.«
   »Sag nicht alte Kröte zu mir«, schimpfte Vallera. »Sonst verwandle ich dich …«
   »Ruhe! Alle beide!« Die Oberhexe blickte von einer Hexe zur anderen. »Anstatt euch zu streiten, sollten wir lieber beginnen.« Sie kräuselte die Stirn, während sie erneut auf das Pergament in ihrer Hand blickte. »Ich werde langsam vergesslich«, murmelte sie und tippte mit den Fingern mehrmals auf die Unterschrift auf dem Brief. »Vallera, der ist von Ludmilla. Ich wusste gar nicht, dass sie dieses Jahr für den Zaubertrankwettbewerb zuständig ist. Zu gern würde ich wieder einmal mit ihr reden. Vielleicht im nächsten Jahr.«
   »Das könnte schwierig werden«, sagte Vallera. Sie strich sich mit der Hand über ihr runzliges Kinn. »Niemand weiß, wo sie wohnt. Seit sie eine der Rätselhexen ist, muss sie ihren Aufenthaltsort geheim halten.«
   Das fand Kikki äußerst interessant. Vielleicht würde sie auch eines Tages Rätselhexe werden.
   Die Oberhexe wandte sich an sie. »Wie viel Uhr ist es?«
   »13 Uhr 51 Minuten und 18 Sekunden«, antwortete Kikki nach einem Blick auf ihre Armbanduhr.
   »Na los, stellt euch alle vor eure Kessel.« Die Oberhexe wedelte mit den Armen.
   Kikki setzte das liebenswürdigste Gesicht auf, dass sie zustande brachte. »Du Oberhexe, darf ich dieses Jahr mithelfen?«
   »Nein!«, riefen alle Hexen gleichzeitig. Du bist noch nicht siebzehn.«
   »Ach, sonst seid ihr euch auch niemals einig.« Kikki zog eine Schnute. Ihr Rock begann zu wimmern und ihre Stiefel stampften ungeduldig auf den Boden. Das war so gemein.
   »Du kennst die Regeln«, sagte die Oberhexe etwas freundlicher. »In vier Jahren, wenn du siebzehn wirst, darfst du auch mitmachen.«
   »Menno.« Mit hängenden Schultern entfernte sich Kikki von den anderen und setzte sich ins Gras. Wenn die Waldhexen gewannen, würden die Wolken in dieser Nacht in mattem Lila aufleuchten. Und wenn die Moorhexen den Sieg davontrugen, in einem hellen Rot. Bis dahin dauerte es noch einige Stunden. Schließlich mussten die richtigen Zutaten für den Zaubertrank erst noch gefunden werden. Diese waren niemals nur gewöhnliche Küchenkräuter. Oftmals waren Pflanzen oder Dinge dabei, die nicht leicht zu beschaffen waren. Bei diesem Wettbewerb ging es hauptsächlich um Genauigkeit und Geschwindigkeit.

Neben dem Hexenkessel, der auf der linken Seite der Lichtung stand, hatten sich die Moorhexen versammelt. Beim anderen Kessel die Waldhexen. Sie redeten aufeinander ein. Jedoch so leise, dass ihre Gegnerinnen sie unmöglich verstehen konnten.
   Offenbar war es gar nicht so einfach, zu entscheiden, wo sie nach den richtigen Zutaten suchen sollten. Denn es dauerte fast eine halbe Stunde, bis sich die ersten Hexen zu Fuß davonmachten. Ihre Besen ließen sie zurück. Sofort stiegen diese in die Luft und umkreisten die Kessel. Niemand, der kein Recht dazu hatte, würde sich ihnen nähern können. Als alle im angrenzenden Wald verschwunden waren, legte sich Kikki auf den Rücken. Sie beschloss, ein Nickerchen zu machen. Sie würde ganz bestimmt merken, wenn die ersten Hexen zurückkamen. Denn das Geschrei, das sie jedes Mal dabei veranstalteten, war nicht zu überhören.

Sie träumte, dass sie es war, die die dringend benötigte Zutat fand, die für den Zaubertrank nötig war. Schlangenkraut, geerntet aus einem Bachbett bei Vollmond. In ihrem Traum warf die Oberhexe gerade diese wichtige Zutat in den großen Hexenkessel. Die Waldhexen wartete auf einen Knall oder ein zischendes Geräusch, das verriet, ob der Zaubertrank wirksam war. Es konnte sich nur noch um Sekunden handeln. Kikki hielt den Atem an. Gleich war es so weit.

Kapitel 2
Besuch bei Tante Judith

»Kikki? Bitte wach auf?«
   Sie wollte nicht aufwachen. Nicht jetzt. »Hexenhut und Stiefelkraut, da wird uns doch der Zaubertrank versaut!«, schimpfte sie im Traum.
   Jemand schüttelte sie an der Schulter.
   Widerwillig öffnete Kikki die Augen und gähnte.
   Florina war über sie gebeugt. Ihre Menschenfreundin mit den braunen Haaren und ebenso braunen Augen lächelte sie an. Dann wurde ihr Gesicht ernst. »Ich brauche deine Hilfe.«
   »Ist etwas passiert?« Schlagartig war Kikki wach. Sie setzte sich auf.
   »Passiert nicht.« Florina deutete auf eine Kartonschachtel, die in ihrem Rucksack steckte. »Meine Tante will in die Berge, um zu wandern. Meine Mutter hat ihr letzte Woche versprochen, ihr ihre Wanderschuhe auszuleihen. Aber sie hat vergessen, sie zur Post zu bringen.«
   »Und was bedeutet das?« Kikki hatte keine Ahnung, was eine Post war, geschweige denn Wanderschuhe.
   »Die Poststelle ist seit einer halben Stunde geschlossen, weil Samstag ist. Zudem braucht meine Tante die Schuhe noch heute, weil sie morgen früh losfahren will.«
   »Aha«, machte Kikki, obwohl sie absolut nicht verstand, was Florina ihr sagen wollte.
   »Ich weiß, das ist ein wichtiger Tag für euch Hexen.« Florina blickte auf die beiden riesigen Hexenkessel. »Aber du hast ja selbst gesagt, dass es Stunden dauern kann, bis sie alle Zutaten gefunden haben. Bis dahin sind wir bestimmt wieder zurück.«
   »Zurück von wo?« Kikki rieb sich die Augen. Träumte sie noch? Irgendwie kam sie nicht ganz mit.
   »Na, von meiner Tante. Sie wohnt nur drei Dörfer weit von hier entfernt.«
   »Kann deine Mutter nicht mit dem Auto hinfahren?«
   »Nö, das hat doch Papa und der ist heute den ganzen Tag am Fischen.«
   »Oha.« Kikki rieb sich nun die Hände. »Aber du hast doch jetzt einen eigenen Hexenbesen.«
   »Du weißt, dass ich mich noch nicht so sicher fühle. Zudem hat die Oberhexe gesagt, dass ich nicht allein rumfliegen soll.«
   »Wie bist du dann hierher in den Wald gekommen?«
   »Zu Fuß.« Florina stützte die Hände in die Seiten. »Aber im Wald bin ich auf meinem Besen geflogen.«
   »Gut gemacht.« Kikki grinste. »Die Oberhexe hätte bestimmt bemerkt, wenn du dich nicht an die Regel gehalten hättest. »Na, dann los, bringen wir diese Schuhe zu deiner Tante. Lange kann das ja nicht dauern.«

Sie flogen auf ihren Besen durch den Hexenwald. Begleitet vom Rauschen der Blätter, die vom Wind wild hin und her geschaukelt wurden. Sie entdeckten die 17-jährige Trixi, die dabei war, unterhalb eines Nussbaumes etwas abzuschaben. Ein ganzes Stück von ihr entfernt kniete Ragna, die Moorhexe, auf dem Boden und schaufelte etwas in ihren mitgebrachten Korb.
   Kikki und Florina flogen schweigend an den beiden vorbei. Kaum waren sie aus dem Wald heraus, flogen sie steil nach oben und folgten der breiten Straße. Schon nach wenigen Minuten erreichten sie ihr Ziel und landeten im Garten von Florinas Tante. Hinter einer dicht bewachsenen Himbeerhecke stiegen sie von ihren Besen.
   »Willst du mitkommen?«
   »Nö. Ich warte hier.«
   »Ich werde nur schnell klingeln und meiner Tante die Schuhe geben. In einer Minute bin ich wieder zurück«, versprach Florina.
   Kikki beobachtete, wie sie zur Tür ging und klingelte. Doch anstatt gleich wieder zu ihr zurückzukommen, bat sie ihre Tante ins Haus.

Kikki zählte die Wolken, die Grashalme im Garten und die Steine, die größer waren als ein Daumennagel. »Siebenschläfer und Mäusezahn. Das dauert ja ewig. Florina ist schon über eine Stunde weg. Wenn das so weitergeht, werde ich hier noch verhungern.« Kikkis Magen knurrte. »Lange halte ich das nicht mehr aus.« Sie pflückte eine Himbeere nach der anderen vom Strauch. »Hm. Lecker«, sagte sie zu den beiden Besen. »Die schmecken viel besser als die von der Oberhexe.«
   Nach einer weiteren Stunde hatte Kikki den ganzen Strauch leer gegessen. »Ziegenkäse und Gummistiefel. Tante Judith wird merken, dass die Beeren weg sind. Stimmts Besen?«
   Die beiden nickten eifrig.
   »Ein Zauberspruch, ein Zauberspruch muss her, den richtigen zu finden, ist hoffentlich nicht schwer.« Da fiel ihr ein Hexenspruch ein, den ihr Fauna vor ein paar Jahren beigebracht hatte. Die tierliebe Waldhexe zauberte immer tolle Sachen. Nur ganz selten ging bei ihr etwas daneben.
   Kikki zog den Zauberstab aus ihrer Umhängetasche, zielte auf den Himbeerstrauch und flüsterte:

»Beeren, Beeren, kommt herbei,
nicht eine und auch nicht zwei.
Hunderte von euch sollen es sein,
gut gelaunt und rein.
Ihr sollt sein süß und rosa auch,
so wie es ist für Himbeeren der Brauch.
Hexenbeeren sollt ihr sein,
nicht zu groß und nicht zu klein.
Von freundlichem Wesen und Herzen,
immer aufgelegt zum Scherzen!«

Es gab eine hellrote Rauchwolke, die von links nach rechts über den Himbeerstrauch wanderte. Nach nicht einmal einer Minute verzog sie sich wieder.
   Eine Himbeere nach der anderen erschien und setzte sich an den Orten fest, von wo Kikki die anderen weggegessen hatte.
   »Mistfliege und Kräutersud. Was ist das denn?« Sie ging mit ihrem Gesicht ganz nah an eine der Himbeeren heran. »Schlabbernde Hosen und Stinkstiefel! Mei, o mei, was für eine Schweinerei.«
   Sämtliche Himbeeren hatten zwei winzige Augen und einen kleinen Mund. Sie begannen, zu kichern und mit den Augen zu blinzeln. Je mehr Beeren aus dem Strauch herauswuchsen, desto lauter wurde es.
   »Pst. Seid still!« Kikki raffte ihren Rock und überlegte, wie sie diesen missglückten Zauber wieder rückgängig machen konnte. Doch ihr fiel kein Gegenzauber ein. Sie musste hier weg. Bevor Florinas Tante die Himbeeren hörte und wohlmöglich noch entdeckte. Wo blieb Florina bloß? »Gehst du bitte mal nachschauen?«
   Ihr Besen schüttelte seinen Stiel.
   »Ach, komm schon. Bitte.«
   Ihr Besen ließ sich ins Gras plumpsen und tat so, als würde er schnarchen.
   »Ich weiß genau, dass du nicht schläfst.« Kikki zog eine Grimasse. »Gut, dann werde ich Florina holen.« Auf Hexenstiefelspitzen schlich sie auf das geöffnete Fenster zu und spähte in die Stube hinein.
   Florina saß mit ihrer Tante am Tisch. Vor ihnen stand ein angeschnittener Erdbeerkuchen, daneben eine flache Schale mit lecker aussehenden Keksen.
   Florinas Tante hielt ein unglaublich dickes Buch in ihren Händen und blätterte die Seiten so langsam um, dass wohl noch Tage vergehen würden, bis sie damit fertig war.
   »Das sind deine Mutter und ich beim Schwimmen. Mit etwa acht Jahren«, sagte sie. »Und hier …« Die Tante tippte auf ein anderes Bild. »Da waren wir mit Großvater Herbert beim Picknick auf der Alm.«
   So ging es immer weiter und weiter.
   Florina rutschte ungeduldig auf ihrem Stuhl hin- und her. Immer wieder blickte sie auf ihre Armbanduhr und dann aus dem Fenster. Da entdeckte sie Kikki und riss die Augen auf. Mit ihrer linken Hand gab sie unauffällig das Zeichen, dass Kikki sich ducken sollte.
   »Was siehst du?«, fragte Tante Judith. Sie drehte sich zum Fenster um.
   Kikki gelang es gerade noch rechtzeitig, sich ins Gras fallen zu lassen.
   »Ich sollte langsam los«, sagte Florina. »Wenn ich jetzt aufbreche, bin ich in einer halben Stunde zu Hause.«
   »Das kann ich nicht zulassen. Das ist viel zu gefährlich. So ganz allein unterwegs. Die Straße ins nächste Dorf hat nicht einmal einen Gehweg. Da fahren die Autos viel zu schnell. Nicht auszudenken, wenn dir etwas passieren würde.« Tante Judiths Stimme überschlug sich beinahe.
   »Aber …«
   »Keine Widerrede. Sobald dein Onkel von der Arbeit kommt, fahre ich dich mit dem Auto nach Hause. In zwei Stunden ist er sicherlich wieder da. Und überhaupt, wie bist du eigentlich hierhergekommen?«
   »Zu Fuß«, schwindelte Florina.
   »Noch einmal zwei Stunden?« Kikki biss in ihren hellgrünen Pullover. »Zwei Stunden! Da laust mich doch der Kuckuck.« Gut möglich, dass die Waldhexen oder Moorhexen bis dahin ihre Hexentränke fertig gebraut hatten und die Siegerinnen bereits so gut wie feststanden. Der Gedanke, beim Finale nicht dabei zu sein, ließ ihre Haare unter dem Hexenhut zu Berge stehen. Dann gab es noch das Problem mit den Himbeeren. Nicht mehr lange und Tante Judith würde ihr Gelächter hören, das immer lauter wurde.
   Sie musste verschwinden, und zwar schnell. Sie gab Florina ein Zeichen, dass sie wegfliegen würde.
   Florina nickte.
   Ein paar Sekunden später war Kikki mit den zwei Hexenbesen unterwegs nach Hause.

Kapitel 3
Eine böse Überraschung

Als Kikki endlich ihren heiß geliebten Hexenwald erreichte, bemerkte sie, dass hier etwas nicht stimmte.
   Die bleigrauen Wolken, die noch am frühen Nachmittag über ihm gehangen hatten, hatten ihr Aussehen verändert.
   Sie leuchteten nicht, wie Kikki gehofft hatte, in mattem Lila, das verkündet hätte, dass die Waldhexen schneller ihren Zaubertrank gebraut hatten als ihre Gegnerinnen. Aber sie leuchteten auch nicht hellrot. Was bedeutet hätte, dass die Moorhexen die möglichen Siegerinnen waren.
   Stattdessen hingen schwere dunkelgelbe Wolken über ihrem Wald. Blitze zuckten darin umher. Zwei von ihnen schossen nach unten, wo sie mit unglaublich lautem Knallen in die Erde fuhren.
   Kikki stoppte ihren Besen. Sie würde auf keinen Fall in die Wolken hineinfliegen, beschloss sie. Wenigstens so lange nicht, bis dieses Unwetter vorbei war. Denn da, wo sie sich gerade befand, war nicht der allerkleinste Windhauch zu spüren. Genau so wenig, wie es regnete.
   Erst jetzt bemerkte sie, dass die dicken und schweren Tropfen, die auf den Wald regneten, genauso gelb waren, wie die Wolken darüber. Sie verhielten sich auch nicht wie Wassertropfen. Vielmehr setzten sie sich wie zähes Karamell überall fest. Die Blätter der Bäume und deren Stämme waren unter der gelben Schicht kaum noch zu erkennen.
   »Verschlungene Gedärme und Katzenkot, mein Wald ist in Not!«
   Bei diesen Worten wimmerte Kikkis Rocksaum. Die beiden Besen zuckten unruhig umher. »Nein. Wir fliegen nicht fort. Wir werden genau hier bleiben, wo wir sind, bis dieser seltsame Regen aufhört.«
   Kikkis Besen knurrte unglücklich. Versuchte aber nicht länger, vom Hexenwald wegzufliegen.

Über eine Stunde lang beobachtete Kikki die Wolken. Dann begannen sie endlich, sich langsam vom Wald fortzubewegen.
   »Wo die anderen wohl sind?« Kikki kaute an ihrem Daumennagel. Hier auf dem Besen zu warten, war auch keine Lösung.
   Als die Wolken noch ein ganzes Stück weitergezogen waren, wagte sie sich in den Wald hinein. Als Erstes flog sie zur großen Lichtung, auf der der Zaubertrankwettbewerb stattfand. So dachte sie zumindest. Als sie dort ankam, verstand sie erst nicht, was sie da sah.
   Auch hier war alles hellgelb. Die Wiese, die Bäume, die beiden Feuerstellen, einfach alles. Sie glaubte, einen gelben Hasen unter sich vorbeihoppeln zu sehen. In der nächsten Sekunde war er verschwunden.
   Sie steuerte ihren Besen langsam über die Lichtung. Das Bild, das sich ihr bot, war unheimlich. Es stank fürchterlich. Kikki blickte sich genauer um.
   Da entdeckte sie einen der beiden Hexenkessel. Er lag am Rand der Lichtung. Ein riesiges Loch klaffte an seiner Unterseite, woraus ein lila Schleim lief.
   »Igitt, igitt, igitt.« Sie flog näher heran. Es sah aus, als wäre etwas im Kessel explodiert. Kikki vermutete, dass er von der Mitte der Lichtung an den Rand geschleudert worden war.
   Sie wollte schon von ihrem Besen steigen, um den Kessel genauer zu untersuchen, da kreischten ihre beiden Stiefel auf.
   »Ist ja gut. Ich werde nicht auf dem Boden landen.«
   Ihre Stiefel gurrten zufrieden.
   »Wenn ich nur wüsste, was passiert ist. Ich mach mir Sorgen.« Ihr Magen fühlte sich an, als hätte sie einen riesigen Stein verschluckt. Ihre Finger zitterten.
   Kikki steuerte den Besen weiter am Rand der Lichtung entlang. Sie hatte noch nicht einmal die Hälfte zurückgelegt, da entdeckte sie den zweiten Hexenkessel. Auch er lag auf der Seite. Aus diesem tropfte rote Flüssigkeit.
   »Was ist hier geschehen?« Kikki kratzte sich unter ihrem Zauberhut. »Ich verstehe das nicht. Wo sind all die anderen? Wieso ist es hier so still?«
   Weder das Krächzen der Krähen noch das Heulen der Waldgeister war zu hören. Die waren sonst auch immer ängstlich, wenn etwas passierte, und wehklagten gewöhnlich mehrere Stunden am Stück. Aber so eine Stille war Kikki nicht gewöhnt.
   »Hier gibt es nichts mehr zu sehen«, sagte sie zu den beiden Besen. »Kommt, wir fliegen zur Oberhexe. Bestimmt weiß sie, was los ist.«

»Siebenschläfer und Kräutersud, das ist gar nicht gut«, jammerte Kikki kurz darauf.
   Das Haus der Oberhexe war kaum wiederzuerkennen. Das Dach, die Außenwände, der Vorgarten und der Weg, der zum Haus führte, waren ebenfalls unter einer dicken gelben Schicht verborgen. Der Regen hatte auch hier ganze Arbeit geleistet.
   Kikki wollte landen. Doch ihr Besen weigerte sich. Er bockte und knurrte und stieg eigenmächtig wieder in die Höhe.
   »He, was soll das? Wirst du gefälligst folgen.«
   Besen schüttelte seinen Stiel und flog stattdessen zur riesigen Tanne, die nur ein paar Meter entfernt wuchs. Dort landete er im Schutz der dicht bewachsenen Äste.
   Kikki stieg ab.
   Sofort gurrten die beiden Besen erleichtert und gingen zu dem dicken Baumstamm, wo sie sich anlehnten.
   Tatsächlich. Hier war der Waldboden unversehrt. Nicht ein einziger Tropfen der stinkenden Flüssigkeit hatte den Weg durch die Abertausenden von Tannennadeln gefunden.
   »Na gut. Einverstanden«, sagte Kikki. »Ihr wartet hier. Ich werde durch dieses eklige gelbe Zeugs gehen, um nachzuschauen, wie es der Oberhexe geht. Ich muss wissen, was passiert ist. Na, würdet ihr auch gern so tapfer wie ich sein?«
   Die beiden Besen taten so, als hätten sie nichts gehört.
   Kikki raffte ihren bunten Rock in die Höhe und marschierte los. Ihre Stiefel verursachten ein schmatzendes Geräusch, als sie über den Waldboden tappte. Dabei knurrten sie unglücklich und berührten den Boden so kurz wie möglich. Was dazu führte, dass Kikki mehr hüpfte, als dass sie ging. Bei der Tür angekommen, drückte sie angewidert mit Zeigefinger und Daumen die gelbe und klebrige Klinke hinunter. »Oberhexe, ich bin es. Kikki.« Sie betrat die Stube.

Die Oberhexe lag auf dem geblümten Sofa, das vor einem der vielen Fenster stand. Ihr Zauberhut, ihr Gesicht, ihr Rock, die Hände und Beine und auch ihre Stiefel waren über und über mit dem seltsamen Regen bekleckert.
   Es war gerade mal sechs Uhr abends, stellte Kikki nach einem Blick auf ihre Uhr fest. Eine Zeit, in der jede Hexe nur so vor Energie sprühte. Außer natürlich, sie war stundenlang herumgerannt, um nach den richtigen Kräutern für den Zaubertrank zu suchen. Das erklärte wohl auch, weshalb die Oberhexe tief und fest schlief.
   Kikki beschloss, sie schlafen zu lassen. Sie würde am nächsten Tag noch mal vorbeikommen. Leise ging sie wieder.

Am nächsten Morgen gönnte sich Kikki fünf Marmeladenbrote und trank dazu ihren geliebten Froschaugentee. Ihr Kater Lakritz stand vor ihr auf der Tischplatte und mampfte schmatzend sein Katzenfutter.
   Esmeralda, Kikkis Spinne, war bereits satt. Sie döste friedlich neben der Teetasse und hatte ihre acht Beine weit von sich gestreckt. Von der Tür war das Jammern der Hexenstiefel zu hören.
   »Wir gehen ja gleich nach draußen«, sagte Kikki. Sie stand vom Stuhl auf und wandte sich an ihre beiden Haustiere. »Ich besuche kurz die Oberhexe und dann bringe ich Florina ihren Besen zurück. In spätestens einer Stunde bin ich wieder da.«
   Sie ging zum Fenster und setzte sich in ihren Schaukelstuhl. »Wo bleibt ihr?«, rief sie den beiden Stiefeln zu.
   Diese sprangen in die Höhe und eilten freudig auf sie zu.
   »Gut gemacht«, sagte Kikki, während sie hineinschlüpfte. Ihr seid die besten.«
   Sie ging zur Tür, packte die Besen und verließ ihr kleines Haus.
   Erleichtert stellte sie fest, dass der normale Regen, der die ganze Nacht angedauert hatte, den Großteil der klebrigen Farbe von den Bäumen und dem Boden weggewaschen hatte. Nur an wenigen Stellen gab es noch vereinzelte gelbe Sprenkel.

Als Kikki das Haus der Oberhexe erreichte, traute sie ihren Augen nicht.
   Die Beete im Vorgarten waren von sämtlichem Unkraut befreit. Dunkle, scheinbar frisch umgedrehte Erde war stattdessen zu sehen. Die Grashalme der Wiese waren alle gleich lang. Die Steinplatten daneben waren viel heller als gewöhnlich.
   Sicherheitshalber drehte sich Kikki mehrmals im Kreis und schaute sich um. »Bin ich hier richtig?« Sie warf ihrem Besen einen fragenden Blick zu.
   Ihr Besen nickte. Auch er schien nicht zu begreifen, was hier los war. Vorsichtshalber ging er einige Schritte rückwärts. Florinas Besen folgte ihm.
   Langsam schlich Kikki auf die Tür zu. Sie kniff sich in den Unterarm, um festzustellen, ob sie träumte. Der Schmerz durchfuhr sie augenblicklich. »Stinkstiefel und Krähenfüße, dass ich das nicht büße.«
   Da fiel ihr Blick auf eines der Fenster. Es war so sauber, wie noch nie zuvor. Kikki staunte. Man konnte tatsächlich von draußen in die Wohnstube der Oberhexe sehen.
   Wo waren die Spinnweben, die normalerweise außerhalb des Hexenhauses an den Fensterrahmen klebten? Und wo waren ihre Bewohnerinnen? Kikki lief es eiskalt den Rücken hinab.
   Beim Umsehen entdeckte sie auf einem Ast eines Kirschbaumes ein winziges Holzhaus. Es hatte eine Tür und zwei vergitterte Fenster.
   Kikki ging darauf zu und öffnete die Tür. Augenblicklich krabbelten mehrere Spinnen über ihren Handrücken. Sie flohen über ihren Arm und den Körper entlang zu Boden.
   »Ihr Ärmsten. Ich weiß auch nicht, was mit der Oberhexe los ist«, rief sie den Spinnen hinterher.
   In diesem Moment ging die Tür des Hexenhauses auf. »Wer hat meinen Namen gerufen?« Die Oberhexe trug ihr Nachthemd und die Stinktierpantoffeln. In ihrem schwarzen stachligen Haar saß eine riesige rosafarbene Stoffschleife. In der einen Hand hielt sie einen Putzlappen und in der anderen einen Kessel, gefüllt mit Seifenwasser. »Ach, du bist es.« Sie musterte Kikki von oben bis unten. »Kannst mir gleich beim Putzen helfen.«
   »Putzen?« Kikki glaubte, sich verhört zu haben. Wieso in aller Welt, sollte sie putzen? Hexen mochten Unordnung, je mehr Staub auf den Regalen, desto besser. Dasselbe galt für die Böden. Überhaupt. Ordnung war für jede rechte Hexe eine schreckliche Vorstellung. Abgesehen vom Frühlingsputz, der alle sechsunddreißig Jahre stattfand. Der war aber erst einige Wochen her. »Bist du krank?«
   »Krank? Papperlapapp«, machte die Oberhexe. »Mir geht es prima. Ich fühle mich so kraftvoll, als wäre ich höchstens hundert Jahre alt.« Zum Beweis spannte sie ihren linken Arm an. »Das sind Muskeln. Willst du mal anfassen?«
   »Nö.« Kikki schüttelte den Kopf. »Wieso bist du am Putzen? Das machst du sonst nie.«
   »Schrecklich, nicht wahr. Als ich anfing, habe ich erst bemerkt, wie schmutzig es hier ist. Überall dieser Staub und diese schrecklichen Spinnen. Die sind ja so was von eklig mit ihren acht Beinen. In meinem Haus will ich die nicht mehr haben.«
   »Aber Oberhexe. Du liebst Spinnen.«
   »Bei allen guten Geistern, die mochte ich noch nie. Du hast wohl Hexenfieber.«
   »Ich ganz bestimmt nicht. Eher du«, sagte Kikki.
   »Wenn nichts mehr weiter ist, kannst du ja gehen«, sagte die Oberhexe. »Ich muss noch den Dachstock aufräumen, die Wäsche waschen, die Mäuse einfangen und meine Katzen rasieren.«
   »Wie meinst du das, du willst die Katzen rasieren?«
   »Falls du das bisher noch nicht bemerkt hast. Katzen verlieren Haare – und zwar viele.« Die Oberhexe schnaubte. »Na los, mach, dass du fortkommst, ich muss arbeiten.«
   »Arbeiten? Jetzt mache ich mir aber echt Sorgen um dich. Hexen arbeiten nicht.«
   »Dann sieh, wie sehr du dich täuschst.« Die Oberhexe nahm Kikki am Arm und zog sie mit sich in ihre Stube.
   Hier war es so sauber, dass man auf dem Holzboden beinahe ausrutschte. Die Stühle standen in Reih und Glied, kein einziger Staubfaden war zu sehen, kein einziges Spinnennetz. Es roch nach Essig und Zitrone, anstatt nach feinem, schwerem Essen und Kuchen. Aber das Schockierendste war, als Kikki die riesige Schüssel mit dampfendem Gemüse auf dem Tisch stehen sah.
   »Was machst du denn damit? Und, wo hast du das her?«
   »Das habe ich von einem Bauernhof stibitzt, in Waldheim. In diesem Dorf, wo die Menschen wohnen.«
   »Aber …« Kikki überlegte, ob sie der Oberhexe sagen sollte, dass sie eigentlich nie Gemüse aß und schon gar nicht stibitzte. Aber sie ließ es bleiben.
   Die Oberhexe setzte sich an den Tisch, band sich ein Stofftuch um den Hals und griff nach der Gabel. Genüsslich begann sie, das Gemüse zu essen. »Hm. Lecker«, sagte sie. »Komm, du darfst auch was davon abhaben.«
   »Nein, ich habe schon gegessen«, sagte Kikki. »Zudem muss ich jetzt los.«
   »Na gut. Wie du willst.«
   Kikki wandte sich noch einmal an die Oberhexe. »Was ist eigentlich gestern beim Zaubertrankwettbewerb passiert? Dieser gelbe Regen, du weißt schon.«
   »Ach, das?« Die Oberhexe machte mit ihrer freien Hand eine abwertende Geste. »Nichts Schlimmes. Irgendwie haben sich die Zutaten nicht vertragen und dann sind die beiden Kessel explodiert. Sobald wir neue Kessel haben, holen wir den Wettbewerb nach. Brauchst dir keine Sorgen zu machen. Alles ist in Ordnung.«
   »Wenn du meinst.« Kikki zuckte mit den Schultern und beschloss, der Sache später auf den Grund zu gehen. »Ich bringe jetzt Florina ihren Besen zurück. Bestimmt wartet sie schon auf ihn.« Sie verlies das rosafarbene Hexenhaus und stieg auf ihren Besen. Den von Florina nahm sie in die linke Hand. Ihre Menschenfreundin, die vor einiger Zeit den Hexeneid abgelegt hatte, würde sich freuen, den Besen wiederzubekommen.
   Auf dem ganzen Weg nach Waldheim goss es in Strömen und Kikki nässte bis auf die Unterkleidung durch. Am Dorfrand stieg sie vom Besen und sah sich um. Sie konnte keinen Menschen sehen und zog ihren Zauberstab aus der Umhängetasche.

»Regen, geh aus meinen Kleidern fort,
und suche dir einen anderen Ort.
Trocknen will ich endlich nun,
hopp, hopp, ich hab noch was zu tun!«

Ihre Kleider trockneten in Windeseile. Ihre Stiefel gurrten zufrieden und ihr Hexenhut schüttelte die letzten Tropfen ab.

»Regen, Regen, hör mir zu,
lass mich von nun an in Ruh«, befahl Kikki.

Nun machten die schweren Regentropfen einen Bogen um sie. Kikki war zu frieden und marschierte los.
   Zu ihrem Erstaunen entdeckte sie auch hier ab und zu gelbe Sprenkel, die denen im Hexenwald glichen. War es möglich, dass die Wolken bis hierher getrieben waren?
   Zehn Minuten später stand sie im 4. Stock vor der Wohnung, in der Florina mit ihren Eltern wohnte.
   »Schau, ich habe dir deinen Besen vorbeigebracht«, sagte sie, kaum hatte ihre Freundin die Tür geöffnet.
   »Oh, super.« Florina griff nach ihrem Hexenbesen und ging durch den Flur voraus.
   Kikki folgte ihr und wurde beinahe von ihrer Mutter umgestoßen, die auf einem Bein aus dem Badezimmer hüpfte. »Hallo, Frau Wilke.«
   »Hallo Kikki«, machte Florinas Mama und tätschelte ihre linke Wange. »Schön, dass du hier bist.«

In Florinas Zimmer setzten sie sich auf das Bett. »Hat sich deine Mama am Fuß verletzt?«
   »Nö. Eigentlich nicht. Keine Ahnung, weshalb sie das macht. Meine Tante war gestern ganz schön geschockt. Sie glaubte, sie spinnt, als sie im Garten die Himbeeren mit Mündern und Augen sah. Du hättest sie sehen sollen. Sie ist beinahe in Ohnmacht gefallen. Dann musste ich ihr helfen, alle Beeren vom Strauch zu pflücken. Das war lustig. Ich wusste gar nicht, dass Himbeeren Grimassen schneiden können.«
   »Tut mir leid. Bei uns im Hexenwald ist es ganz normal, dass man ab und zu Gesichter auf Dinge hext, die normalerweise keines haben.«
   Florina verdrehte ihre braunen Augen. »Das war echt lustig. Leider mussten wir noch stundenlang warten, bis der Mann meiner Tante mit dem Auto nach Hause kam. Ich war erst um halb zehn wieder in Waldheim. Erzähl, wer hat den Zaubertrankwettbewerb gewonnen?«
   »Niemand. Als ich nach dem Besuch bei deiner Tante zum Hexenwald zurückkehrte, fiel ein seltsamer gelber Regen. Es hat ewig gedauert, bis sich die Wolken endlich verzogen. Ich schwöre dir, alles war voll von dieser klebrigen Masse. Jeder Baum, jedes Blatt, einfach alles. Ich bin als Erstes zur Oberhexe geflogen. Sie hat jedoch geschlafen. Also, ließ ich sie in Ruhe. Heute Morgen war ich wieder bei ihr. Seit gestern hat sie beinahe ihr ganzes Haus geputzt. Überall riecht es nach Zitrone und Seife. Sie hat damit gedroht, ihre fünf Katzen zu rasieren, weil sie zu viele Haare verlieren. Als ich wissen wollte, was gestern beim Wettbewerb passiert ist, hat sie erzählt, dass die beiden Hexenkessel wegen falscher Zutaten explodiert sind und dass alles in Ordnung sei.«
   »Vielleicht ist es genau so passiert, wie die Oberhexe es dir erzählt hat.« Florina blickte nachdenklich zur Zimmerdecke. »Wenn wir schon von seltsamem Benehmen sprechen, meine Eltern waren gestern Abend auch irgendwie komisch. Sie wollten mich nicht ins Bett gehen lassen. Ich musste einen Krimi mit ansehen, der bis Mitternacht dauerte. Dann haben wir gemeinsam Eiscreme gegessen. Es war so viel, ich wäre beinahe geplatzt. Als ich vor dem Zubettgehen meine Zähne putzen wollte, hat meine Mutter mich aus dem Badezimmer gescheucht.«
   »Das klingt gar nicht nach deiner Mutter.« Kikki massierte sich nachdenklich das Kinn.
   »Am besten frage ich Fauna oder Vallera. Vielleicht kann eine von ihnen genauer erzählen, was gestern passiert ist. Ich bin nur gekommen, um dir deinen Besen zu bringen. Bestimmt hast du ihn schon schrecklich vermisst.«
   »Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr!«

Kapitel 4
Verkehrte Welt

Faunas Hexenhaus war rundherum von Efeu überwachsen. Einzig die Fenster, die Tür und der Kamin waren frei davon.
   Kikki landete und stieg vom Besen. »Fauna, bist du da?« Sie klopfte gegen den Türrahmen und betrat das Haus.
   Fauna stand in ihrer Stube und blinzelte gegen die Sonne, die durch die geöffnete Tür schien. Erst vergangene Woche hatte Fauna ihren hundertzwanzigsten Geburtstag gefeiert. Noch immer standen einige Geschenke auf dem Tisch.
   »Stinkstiefel und Hühnermist. Wie schön, dass du mich besuchen kommst.« Die Hexe mit dem schmalen Gesicht und den braunen Haaren klopfte Kikki freundschaftlich mit dem Zeigefinger mehrmals auf die Nasenspitze. »Magst du vielleicht eine Tasse Froschaugentee? Ich habe gerade welchen aufbrüht.«
   »Gern.« Kikki setzte sich an den Tisch und atmete erleichtert aus. Fauna benahm sich so wie immer. Sie konnte keinen Unterschied an ihr erkennen.
   Nachdem Fauna den Tee aus dem Kessel geschöpft hatte, setzte sie sich zu Kikki. »Schon vor ein paar Minuten habe ich gespürt, dass Besuch im Anflug ist. Ich habe aber gar nicht erst versucht, zu erraten, wer es ist. Ein paar Kekse vielleicht?«
   Kikki nickte.
   Fauna nahm ihren Zauberstab in die Hand und sprach:

»Kekse, Kekse kommt herbei,
welcher Geschmack, ist einerlei.
Hauptsache viel und fein,
das wünsche ich mir, so soll es sein!«

Durch die offen stehende Tür flog ein Teller Kekse herein und landete auf dem Tisch.
   Kikki und Fauna langten kräftig zu.
   »Die schmecken aber prima.«
   »Keine Ahnung, woher sie kommen. Aber sie sind eindeutig lecker. Seit mindestens zwanzig Jahren hexe ich die schon herbei. Noch nie gab es einen Tag, an dem sie nicht angeflogen kamen, wenn ich nach ihnen rief.«
   »Fauna, was ist gestern eigentlich beim Zaubertrankwettbewerb passiert?« Kikki trank einen Schluck Tee.
   »Ach das. Irgendwie sind wohl falsche Zutaten in die Kessel geworfen worden. Beinahe gleichzeitig sind die beiden explodiert. Gelbe Dampfwolken stiegen zu zum Himmel und kurz darauf begann es, so seltsam zu regnen. Wir beschlossen, nach Hause zu gehen und zu warten, bis es vorbei ist. Sogar die Moorhexen waren einverstanden. Fast alle von uns waren von Kopf bis Fuß von diesem Regen bedeckt. Der war ganz schön klebrig, kann ich dir sagen. Ich habe sicherlich vier Stunden in meiner Badewanne gesessen, um ihn loszuwerden. Jedenfalls beschloss die Oberhexe, den Wettbewerb ein andermal zu wiederholen. Sobald wir herausgefunden haben, was falsch gelaufen ist.«
   »Ungefähr dasselbe hat sie mir auch erzählt. Ist denn die Rätselhexe nicht vorbeigekommen, als das passiert ist?«, wollte Kikki wissen.
   »Nö.« Fauna biss in einen Zitronenkeks. »Sie hat bestimmt schon genug um die Ohren.« Sie blickte auf die Wanduhr über dem Spülbecken und riss ihre haselnussbraunen Augen auf. »Schon so spät!« Fauna sprang vom Stuhl hoch und eilte in die Schlafkammer. Kurz darauf kam sie angezogen wieder daraus hervor. »Ich muss los. Tut mir leid, aber du musst jetzt gehen.«
   »Was hast du denn Dringendes vor?«
   »Ich bin mit der Oberhexe verabredet.« Fauna kicherte wie ein junges Hexenmädchen. »Das wird bestimmt lustig. Wir wollen ein paar Leute ärgern.«
   Kikkis Stiefelspitzen bogen sich nach oben. Ihr Rock begann, leise zu wimmern. Aber nur für einige Sekunden. Dann trommelte sie mit den Händen mehrmals auf die Tischplatte. »Butterblume und Mistkäfer, beinahe habe ich dir geglaubt. So etwas würdest du niemals tun.« Erleichtert atmete Kikki aus. Beinahe wäre sie auf Faunas Scherz hereingefallen.
   »Na los. Hopp, hopp. Steh auf. Ich muss mich beeilen.«
   »Wie jetzt? Du meinst das ernst?« Kikki zupfte an einer ihrer roten Haarsträhnen.
   »Du brauchst mich gar nicht so anzuschauen. Natürlich ist es mir ernst. Brauchst gar nicht zu fragen, ich verrate dir bestimmt nicht, wo ich mich mit der Oberhexe treffe.« Fauna drehte sich um und eilte in ihre Vorratskammer. Es rumpelte und polterte.
   Kurz darauf kam sie mit einem Korb voller Eier zurück. Sie machte ein ernstes Gesicht und packte Kikki am Arm. Freundlich aber bestimmt schob Fauna sie aus ihrem Häuschen hinaus.
   »Aber …?«
   Fauna achtete nicht auf Kikki. Mit einem Schlenker ihres Zauberstabes verriegelte sie hinter sich die schiefe Holztür und stieg auf ihren Besen. Grußlos düste sie davon.
   »Hast du das gesehen?«
   Kikkis Besen nickte.
   »Fauna lässt mich hier stehen. Das ist sonst gar nicht ihre Art. Das hat sie noch nie zuvor gemacht.« Kikki griff nach ihrem Zauberstab, der in ihrer Umhängetasche steckte. Damit zielte sie auf Fauna, die drohte, jeden Moment zwischen den Bäumen zu verschwinden.

»Faunas Hexenspur will ich sehen,
ich will den gleichen Weg gehen.
Zeig mir, wohin sie fliegt,
erst dann ist meine Neugier besiegt.«

Ein grüner Lichtstrahl schoss aus dem Zauberstab und heftete sich an Faunas Besen. Dann verband er sich mit dem von Kikki.
   »Na, los. Folgen wir ihr.«
   Besen erhob sich rasend schnell in die Luft.
   Fauna blickte kein einziges Mal zurück. Dicht über den Bäumen flog sie dahin. In ihrer linken Hand hielt sie den Korb mit den Eiern, während sie sich mit der rechten Hand am Besen festhielt.
   Anstatt zum Haus der Oberhexe zu fliegen, landete sie neben einem Weiher. Dabei schreckte sie ein Reh auf, das gerade am Trinken war. Fauna hob ihre Hände vor den Mund und rief wie ein Kuckuck in den Wald hinein.
   Kikki landete leise und unbemerkt einige Meter von ihr entfernt. Sie versteckte sich hinter einem Baumstamm und spähte zu Fauna hinüber.
   Da kam auch schon die Oberhexe herangeflogen. Sie hatte ebenfalls einen Korb mit Eiern dabei und zeigte ihn ihrer Freundin. »Bis du bereit? Kann es losgehen?«
   »Ich bin so was von bereit.« Fauna kicherte. »Das wird bestimmt lustig.«
   Wild jauchzend flogen die beiden Hexen auf ihren Besen davon.

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