Chick wächst in einem Gebiet unberührter Natur unter Wildkaninchen auf. Mit ihren Brüdern Sangru und Amjo an ihrer Seite überwindet sie so manches Hindernis, um im Wald und in den Wiesen zu bestehen. Lauschen, graben, flüchten - es ist nicht einfach, sich wie ein richtiges Kaninchen zu benehmen. Außerdem muss sie sich immer wieder gegen die Anfeindungen der Sechserbande zur Wehr setzen, die Chick als felllosen Zweibeiner nicht als Koloniemitglied akzeptiert. Eines Tages gerät Chick in eine gefährliche Situation, in der ihr weder ihre Familie noch ihre treuen Freunde helfen können. Wird Chick das Abenteuer allein meistern?

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ISBN: 978-9963-52-157-9

Seiten: 318

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Katja Schwede

Katja Schwede
Katja Schwede wurde 1978 in Bremen geboren. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau und ist bis heute tätig in diesem Beruf. Neben Büchern waren es vor allem Zeichentrickserien wie „Kimba, der weiße Löwe“, die sie seit früher Kindheit zu eigenen Geschichten inspirierten. Mit einem Schulfreund tauchte sie regelmäßig in die unterschiedlichsten Fantasiewelten ein, in der beide mehrere Rollen übernahmen und die „Serien“ meist über Jahre am Leben erhielten. Ein Wäldchen in der Nähe wurde zum tropischen Dschungel, das Schwimmbecken im Garten zum weiten Meer und ein Hund aus der Nachbarschaft zum weißen Wolf. Die Geschichten wurden sowohl aufgeschrieben als auch zu Dutzenden Hörspielen vertont. Seit ihrer Jugend setzt sich Katja für die Rechte von Tieren und gegen deren Ausbeutung in unserer Gesellschaft ein, was sich auch in ihrer Lebensweise widerspiegelt. Seit 1994 lebt sie vegan und hat sich im Laufe der Zeit immer wieder an Aktionen für die Öffentlichkeitsarbeit beteiligt.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Teil I
1. Ein besonderes Kaninchen

Das erste Licht des Tages fiel in den Baueingang. Chick krabbelte auf allen vieren durch den sandigen Tunnel, Mama Teras Hinterläufe nur eine Handbreit vor ihrem Gesicht. Vorbei an Mamas flauschigem, grauem Fell und Papas kräftigen Schultern stieg Chick bereits die frische Morgenluft in die Nase. Sie konnte es kaum erwarten, nach draußen zu gelangen.
   Papa Charli stoppte und schaute vorsichtig hinaus. Er schnupperte und stellte die Ohren auf. Wie immer drehte er den Kopf nach links und rechts, verharrte sekundenlang. Endlich sprang er hinaus, doch Mama wartete noch. Chick schob sich an ihre Seite.
   Papa Charli setzte sich auf die Hinterbeine, hob den Oberkörper in die Luft und vergewisserte sich, dass keine Gefahr drohte.
   Chicks Magen knurrte. Die Kontrolle war wichtig und ihre Eltern nahmen es sehr genau, doch vor dem ersten Bissen stellte die allmorgendliche Prozedur sie auf eine harte Geduldsprobe.
   Endlich nickte Papa. Mama Tera prüfte ebenfalls erst gründlich die Umgebung, bevor sie die Höhle verließ. Doppelt hielt besser, um sich zu überzeugen, dass kein Feind hinter dem nächsten Busch lauerte. Chick atmete tief durch. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis es losging.
   »Kommt, wir müssen uns beeilen«, rief Papa, »die besten Plätze sind schon besetzt.«
   Mit einem Satz hüpfte Chick hinaus und stellte sich auf die Füße. Von hier oben, fast vom Gipfel des höchsten Hügels des Wäldchens, sah sie, dass sich die danebenliegende Grasfläche mehr und mehr mit braunen Kaninchenkörpern füllte.
   Hunderte Löwenzahnstauden tauchten die Landschaft in ein leuchtend gelbes Meer. Unzählige Stängel Wiesenschaumkraut reckten ihre zartlila Blütenköpfe zwischen weißen Teppichen aus Gänseblümchen der Sonne entgegen. Chick lief das Wasser im Mund zusammen.
   Hinter ihr sprang ihr Bruder Sangru aus dem Erdloch und schüttelte sein zotteliges Fell. Zuletzt kroch Amjo heraus.
   »Die guten Ecken kriegen wir schon«, rief Sangru, »Amjo, Chick, kommt! Wir laufen um die Wette!« Kaum ausgesprochen, sauste er los, den Abhang hinunter. Amjo und Chick rannten hinterher.
   »Ich finde den besten Platz!« Chick lief, so schnell sie konnte, um Sangru einzuholen.
   »Lauft doch langsam, ihr erschreckt nur wieder alle«, meinte Mama, doch sie hörten nicht darauf.
   »Vergesst bei allem Übermut nicht das Sichern«, rief Papa ihnen nach.
   »Nein, nein, wir passen schon auf«, versprach Sangru.
   »Und Chick, am Wiesenrand wachsen jede Menge Hahnenfuß und Schöllkraut. Denk dran, sie sind sehr giftig!«
   »Das weiß ich doch längst.« Papa war mal wieder übervorsichtig. Dabei kannte sie sich aus in der Natur und wusste genau, welche Pflanze giftig und welche essbar oder besonders schmackhaft war.
   Amjo und Chick erreichten den Waldrand, wo Sangru bereits wartete. Der kräftige Bursche war einfach immer der Schnellste.
   Die Kaninchen vor ihnen ließen sich das taunasse Gras und die Kräuter schmecken. Jedes versuchte, die saftigsten Halme oder den größten Löwenzahn zu entdecken. Vögel begrüßten aus voller Kehle den Morgen und Insekten schwirrten los, um ihre tägliche Arbeit zu verrichten.
   Fröhlich und ausgelassen sprangen Sangru, Amjo und Chick zu den anderen Koloniemitgliedern auf die Nordwiese und natürlich jagten sie ihnen durch die stürmische Ankunft einen gehörigen Schreck ein. Manche grasten sogleich weiter, andere schauten genervt und schüttelten die Köpfe.
   »Seht, ich hab was gefunden!« In einer von Sträuchern umgebenen, geschützten Ecke der Wiese blieb Chick inmitten üppiger Löwenzahnstauden stehen. Die Stängel der Blumen reichten ihr bis zum Knie. Die goldgelben Blüten waren riesig, so groß wie ihre Handfläche.
   »Klasse!« Sangru hüpfte herbei. »Die werd ich mir jetzt einverleiben.«
   »Ich mir auch.« Amjo freute sich. »Wie gut, dass von den anderen noch niemand hier war.«
   »Ich gehe rüber und pflück ein paar Beeren.« Wenige Schritte entfernt leuchteten an den Sträuchern die ersten kleinen roten Walderdbeeren dieses Jahres, da überließ Chick den Löwenzahn gern ihren Brüdern. »Hmm, lecker. So saftig.« Sie steckte sich gleich drei süße Früchte auf einmal in den Mund. Beeren gehörten zu ihren Lieblingsspeisen, doch sie mochte alle Früchte, Nüsse, Wurzeln, Blumen und Kräuter, die ihr die Natur im Wald und auf den Wiesen anbot.
   Während Sangru und Amjo Löwenzahn rupften, durchsuchte sie die Erdbeerstauden nach reifen Früchten.
   »Anständige Kaninchen grüßen«, rief plötzlich eine Stimme hinter ihr. Chick erschrak und fuhr herum.
   Vor ihr stand der junge, starke Yarrow.
   »Huch! Guten Morgen, hab euch gar nicht gesehen.«
   Hinter Yarrow hatten sich seine fünf Geschwister aufgestellt. Ausgerechnet die Sechserbande! Das konnte nur wieder Ärger bedeuten.
   »So, nicht gesehen?« Yarrow neigte den Kopf zur Seite. »Also auch nicht gehört und nicht gerochen. Deine Sinne sind nicht sehr scharf, nicht wahr?«
   »Ich habe euch schon oft gegrüßt, aber nie eine Antwort erhalten.«
   »Das kommt daher, weil wir nur Kaninchen grüßen – und keine felllosen Zweibeiner.«
   »Was soll das heißen?«
   »Genau das, was ich gesagt habe. Aber ich weiß, du hast es ja mit den Ohren.«
   »He, was ist hier los?«, ging Sangru dazwischen und stellte sich mit Amjo neben Chick. »Lass sie gefälligst in Ruhe!«
   »Was willst du von meinem Bruder?« Silverbloom, der Größte der Sechserbande, trat vor. Sein Fell war an den Seiten noch dunkler als Yarrows, mit einer markanten hellen Färbung auf dem Rücken. Mit ihm wollte keiner in der Kolonie Streit.
   »Wenn Yarrow seine Meinung kundtut, hat ihm niemand zu widersprechen. Was mischst du dich in unsere Angelegenheiten?«
   Amjo zitterte und wich zurück. Chick schluckte. Sangru sträubte das Nackenfell und legte die Ohren an. Sein auffälliges Haarbüschel zwischen den Ohren stand zu Berge.
   »Hört auf, Chick ständig zu schikanieren.«
   »Hört euch das an, unser Wuschelkopf glaubt, er könne uns Vorschriften machen.« Silverbloom streckte den Kopf vor. »Dieser felllose Dauernesthocker hat mit Beeren nach uns geworfen.«
   »Das ist nicht wahr! Ich habe von den Beeren nur gegessen, nicht geworfen. Ich hatte euch doch nicht mal gesehen.«
   »Selbstverständlich hat sie nach uns geschmissen«, behauptete Silverbloom und drehte sich zu seinen Geschwistern um, »ich hab genau gesehen, wie Little Grape getroffen wurde. Stimmt’s, Little Grape?«
   Little Grape legte die Ohren in den Nacken und duckte sich ins Gras. Sein mattgraues Fell wirkte wie ein Häufchen Sand zwischen den grünen Halmen. Er schwieg.
   »Ich glaube, ich hab auch was abbekommen«, pflichtete die Häsin Carina Bruna Silverbloom bei.
   »Aber das stimmt nicht«, rief Chick. »Warum sagt ihr so was?«
   »Chick ist genauso ein Mitglied der Kolonie wie alle anderen auch«, sagte Sangru.
   »Hüte dein Mundwerk.« Silverbloom setzte bedrohlich seine Pfote einen Schritt vor.
   »Ich habe keine Angst vor euch!«
   »Was du nicht sagst. Ihr verzieht euch besser, ihr stinkt nach Mensch.«
   Das war zu viel. Sangru setzte zum Sprung an.
   »Sangru, stopp! Du sollst nicht kämpfen!« Chick fing ihn gerade noch ab und landete mit ihm wie matschiges Fallobst im Gras. Autsch! Mitten auf der Nase. Silverbloom schaute auf sie herab.
   »Seht euch das an, so tief sind sie gesunken.«
   »Übrigens«, Yarrow drehte sich zu ihnen um, »die Stelle mit dem Löwenzahn dort drüben ist ganz ausgezeichnet.«
   Sangru, Amjo und Chick mussten mit ansehen, wie sich die Sechserbande über ihren Leckerbissen hermachte. Silverbloom, Yarrow, Burdock und Carina Bruna – natürlich wieder die Kräftigsten – fraßen die Blüten und die größten Blätter. Die schmächtige Nettle White und der dünne Little Grape nagten am Rand. Sollte es ihnen doch im Halse stecken bleiben.
   Chick setzte sich auf und rieb sich die Nase.
   »Du hättest mich nicht aufhalten sollen«, sagte Sangru, »ich hätte ihnen ordentlich eine verpasst!«
   »Aber wie willst du das denn machen? Sie sind zu sechst. Du hättest auf jeden Fall Prügel abbekommen und das meinetwegen.«
   »Wir sollten unseren Eltern davon erzählen«, meinte Amjo.
   Das war eine gute Idee.

Im Bau schilderten sie den Vorfall.
   »Jessicas Jungen sind furchtbar«, sagte Mama, »ich werde mit ihr reden.«
   »Wenn das was nützen würde«, sagte Papa. »Jessica hält sich aus dem Leben ihrer Jungen raus.«
   Mama seufzte. Papa hatte wohl recht. Jessica bestand auf ihre Freiheit und ihre Ruhe. Sie betonte oft, dass sich Kinder um sich allein kümmern könnten. Soweit Chick wusste, hatte sie die Sechserbande nach der Säuglingsphase ausquartiert.
   »Irgendwann mach ich die fertig.« Sangrus Augen funkelten.
   »Hört mir zu«, sagte Papa, »ich weiß, dass vieles nicht einfach für euch ist, doch eins müsst ihr mir versprechen. Solange wie möglich vermeidet ihr Konflikte. Auch wenn Rangordnungskämpfe in einer Kolonie zum Alltag gehören, vertrete ich die Ansicht, dass wir Kaninchen genug Feinde auf der Welt haben. Wir sollten uns nicht auch noch untereinander unnötig streiten.«
   »Ja, ich weiß«, Sangru senkte den Kopf. »Aber bei der Sechserbande komm ich damit nicht weiter.«
   »Lasst euch von denen nicht den Tag verderben«, sagte Mama.
   »Wollen wir rüber zum Bach?«, fragte Chick. Wäre doch gelacht, wenn sie nichts fände, um die Stimmung zu heben. »Da gibt’s bestimmt ’ne Menge Giersch und Sauerampfer.«
   »Gute Idee.« Amjo nickte.
   »Und ich versuch mal, ob ich Schafgarbe finde«, sagte Sangru.
   »In Ordnung, aber seid wachsam«, mahnte Papa, »entfernt euch nicht zu weit von den nächsten Bauten.«
   »Okay«, riefen sie gleichzeitig, krochen durch die Tunnel ins Freie, sicherten die Lage und sausten los.
   Sie ließen das Wäldchen hinter sich und liefen an den Sträuchern zwischen der Ost- und der leicht abfallenden Nordwiese entlang. Danach hüpften sie einen kleinen, grasbewachsenen Abhang hinunter und überquerten eine weitere Wiese, die an den quer verlaufenden Bach grenzte. Klares Wasser schlängelte sich durch den Graben. Chick konnte das Flussbett locker mit einem Satz überspringen. Den anderen Kaninchen der Kolonie floss das Wasser zu schnell und sie überquerten es ungern, obwohl sie schwimmen konnten.
   Sangru, Amjo und Chick setzten sich am Ufer ins Gras. Auf dieser Seite bildete der Bach die Reviergrenze, die die meisten Kaninchen nur notgedrungen überschritten. Sangru und Amjo knabberten Löwenzahn und von der aufgespürten Schafgarbe. Chick pflückte Sauerampfer-Blätter und löschte ihren Durst mit dem erfrischenden Wasser.
   Es war spannend, all die Fußspuren im Ufersand zu entdecken. So vielen Tieren diente der Bach als Trinkquelle. Hasen, Igel und Vögel, aber auch Feinde wie Fuchs und Marder hatten ihre Abdrücke hinterlassen. Chick erinnerten sie daran, dass sie mit Sangru und Amjo ständig auf der Hut sein musste.
   Sie rupfte Pusteblumen und blies die kleinen Samenfallschirme in die Luft. Wie lustig sie im Wind langsam Richtung Erdboden tanzten.
   »He«, sprach Sangru, »zieh nicht das Beste hier raus. Wenn du sie nicht essen willst, gib sie mir, ich kann noch welche vertragen.«
   »Entschuldigung, du kannst sie haben. Oder Amjo, möchtest du auch welche?«
   »Gern.«
   Chick teilte ihren Strauß und gab ihren Brüdern je die Hälfte. Dann lehnte sie sich zurück ins Gras, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen. Wie wunderbar, einfach dazuliegen, dem Gesang der Vögel und dem Rauschen der Blätter zuzuhören und den Duft der Blumen und Gräser einzuatmen.
   Erst als die Sonne hoch am südlichen Himmel stand, machten sie sich auf den Rückweg zum Wäldchen. Am Rande der Ostwiese, wo eine Reihe Holunderbüsche den Übergang zum Wald bildeten, trafen sie die vier Schwestern Tabitha, Kara, Kiwe und Rafee.
   »Na, wart ihr drüben beim Bach?«, fragte Tabitha, die Kräftigste.
   »Ja«, erwiderte Sangru, »das Gras am Ufer ist besonders saftig.«
   »Dort sollten wir auch mal hingehen an so einem schönen Tag«, sagte Kara und streckte ihre Vorderpfoten aus.
   »Wenn der Tag nicht durch einen gewissen Haufen immer wieder verdorben würde.«
   Chick folgte Sangrus Blick und entdeckte zwischen den Bäumen hindurch auf der Lichtung die Sechserbande. Wie recht er hatte. Die vier Häsinnen schauten hinüber und nickten.
   »Wir gehen ihnen aus dem Weg«, sagte Kiwe.
   »Sie mögen uns nicht und wir mögen sie nicht«, brachte Tabitha es auf den Punkt.
   »Wer kann die schon leiden?« Sangrus Haarbüschel stand schon wieder zu Berge.
   Chick nickte innerlich.
   »Soll ich euch mal erzählen, was die sechs Hahnenfußfresser zu Chick und uns gesagt haben?«
   Die Häsinnen lauschten Sangrus Bericht über das Zusammentreffen beim Morgengrasen.
   »Das darf doch nicht wahr sein!«, rief Tabitha und wandte sich an Chick. »Ich find’s gut, dass du dir das nicht gefallen lässt.«
   »Die können ganz schön nerven.« Chick spähte durch die Bäume zur Lichtung hinüber. »Ständig lauern sie mir auf. Dabei tue ich ihnen überhaupt nichts.«
   Eine Brise ließ die Blätter des Holunderbusches rascheln.
   »Rafee, erzähl du mal, was dir vor zwei Tagen passiert ist«, sagte Kiwe.
   Die hagere, fast kränklich wirkende Rafee holte tief Luft. »Es war kurz vor Sonnenuntergang. Ich begann an der Senke, um die so viel Löwenzahn wächst, ein Blatt abzuknabbern. Plötzlich standen die vier um mich herum. Silverbloom, Yarrow, Burdock und Carina Bruna. Silverbloom befahl, ich solle weggehen, der Löwenzahn stehe nur ihnen zu. Ich durfte ihn nicht fressen, sondern musste Platz machen und zusehen, wie die vier ihn wegmampften.«
   »So eine Unverschämtheit!« Chick schlug mit der Faust auf den Sandboden.
   »Ich wäre an deiner Stelle nicht weggegangen«, rief Sangru.
   »Was sollte ich machen? Sie drängelten mich einfach zur Seite.«
   »Unglaublich!«, riefen Kara und Kiwe wie aus einem Mund.
   Sangru sprang auf. »Wir scheinen nicht die Einzigen zu sein, die sie auf dem Kieker haben. Die schikanieren wohl jeden, der ihnen vor die Nase kommt. Am liebsten würde ich ihnen eine ordentliche Abreibung als Denkzettel verpassen. Aber diese Feiglinge treten nur zusammen auf.« Er schloss die Augen und zuckte mit den Brauen.
   »Gemeinsam fühlen sie sich mächtig«, sagte Amjo, »und mit Ausnahme von Little Grape und Nettle White sind sie auch verdammt stark.« Er wandte sich an Sangru. »Es ist am besten, wenn wir kämpferische Auseinandersetzungen vermeiden. Du weißt, was Vater gesagt hat.«
   Sangru sah auf. »Ja, ich weiß. Aber ich werde das nicht mehr lange mitmachen. Sollte uns einer von denen noch mal belästigen, werde ich mit jemandem aus dem Führungsstab sprechen. Und wenn nötig gehe ich bis zum Leitkaninchen.«
   »Zum Leitkaninchen?«, entwich es Kara und Kiwe gleichzeitig.
   Sangru nickte und sein ernster Gesichtsausdruck zeigte, dass er nicht scherzte.
   In jeder Kaninchenkolonie gab es eine Rangordnung mit einem mal mehr, mal weniger strengen Leitkaninchen, das an der Spitze stand. In dieser Kolonie übte ein großer und kräftiger Rammler namens Cäsar diese Rolle aus. Alle Kaninchen zollten ihm aufgrund seines Körperbaus und seiner Weisheit Respekt. Chick wagte sich kaum vorzustellen, dass Sangru ihm wirklich gegenübertreten wollte.
   Dem Leitkaninchen sowie dem von ihm ernannten Führungsstab – der in der Rangfolge zwischen Leitkaninchen und den übrigen Koloniemitgliedern stand – war stets Gehorsam entgegenzubringen und ihren Anordnungen Folge zu leisten. Ihre Aufgaben bestanden darin, unter allen für Ordnung zu sorgen, die Kolonie nach außen zu verteidigen und jeglichen Schaden von ihr abzuwenden.
   »Der Führungsstab ist verpflichtet, sich solcher Probleme anzunehmen«, sagte Sangru und die anerkennenden Blicke der Häsinnen schienen ihn in seinem Vorhaben zu bestätigen.

Am Nachmittag döste Chick mit ihren Brüdern im Schutz eines Holunderstrauches, als ihre Eltern sie abholten. Schon wieder war es Zeit für den Unterricht. Sangru, Amjo und die anderen Jungkaninchen hatten es gut. Sie schauten sich die richtigen Verhaltensweisen von den Eltern und anderen der älteren Generation ab und schon konnten sie es. Sie schienen ohne große Erklärungen zu wissen, wie sie sich benehmen mussten.
   Lustlos raffte sich Chick von ihren Geschwistern auf.
   »Es gibt noch viele Dinge, die du üben musst, um sie zu beherrschen«, sprach Papa auf dem Weg durch den Wald den höchsten Hügel hinauf. »Sie sind wichtig und notwendig, um in der Kolonie sowie in Wald und Wiese zu überleben. Kennst du die Regeln, nach denen alle Tiere im Wald leben?«
   Chick verdrehte die Augen. Was für eine Frage! Sie hatte sie bestimmt so viele Male beantwortet, wie Blätter an den Zweigen der Bäume hingen.
   »Alle Tiere leben nach den Regeln, die für sie vorbestimmt sind«, leierte sie herunter, »wenn sie es nicht tun, müssen sie sterben. Kein Tier darf jemals einen der eigenen Sippe töten. Wir Kaninchen sind die schlauste Art in Wald und Wiese, daher töten wir nie. Nur die Feinde töten.«
   »Sehr gut«, sagte Mama.
   Sie hatten den Hügel erklommen und setzten sich in den Sand.
   »Und unsere Regeln? Hast du sie behalten?«, fragte Papa. »Die Kolonie ist unsere Heimat und Zuflucht. Ihr gebührt oberster Schutz, ich darf sie an Fremde nicht verraten. Das Wichtigste ist unsere Gemeinschaft, sie sorgt für unser aller Überleben.«
   »Ausgezeichnet.«
   Langsam stiegen sie auf der Westseite des Hügels den Abhang bis zum obersten Höhleneingang hinab, der zu ihrem Bau führte.
   »Welche Verhaltensweisen kennst du, die für alle Koloniemitglieder gelten?«
   Chick holte tief Luft. Auch das wusste sie sofort.
   »Vor dem Verlassen meines Baus muss ich immer erst sichern.«
   »Ganz genau. Das ist das Allerwichtigste. Du darfst niemals ohne zu sichern eine Höhle ins Freie verlassen, es könnte ein Feind vor dem Gang lauern. Zeig uns noch mal, wie du sicherst.«
   Sie verzog das Gesicht und sah ihren Vater an. »Muss ich da jetzt wirklich reinkriechen? Das hab ich doch bestimmt schon hundert Mal gezeigt.«
   »Das kannst du nie oft genug üben.«
   Es gab kein Entkommen. Ihre Eltern waren verdammt konsequent mit dem Unterricht. Genervt krabbelte Chick in das Erdloch. In einer seitlichen Einbuchtung drehte sie um. Nach einem Moment steckte sie vorsichtig den Kopf hinaus. Sie blickte und lauschte sorgfältig in alle Richtungen. Langsam kroch sie hinaus und stellte sich auf. Erneut schaute sie sich um, horchte in den Wald hinein und versuchte, auch die feinsten Gerüche, die in der Luft lagen, zu erschnüffeln.
   Ihre Eltern hatten sich mal wieder versteckt und wollten sie testen. Chick ließ den Blick von Strauch zu Strauch wandern. »Mama, du bist in den Grasbüscheln.« Sie war sich sicher und trat einen Schritt zurück. Plötzlich raschelte es hinter ihr.
   »Huch! Aber …« Chick drehte sich um. Dort saß ihre Mutter. Aus einer anderen Ecke sprang ihr Vater hervor.
   »Papa!«
   Wieder mal hatten ihre Sinne sie getäuscht und ihre Eltern das Spiel gewonnen.
   »Du prüfst die Umgebung sehr gründlich, das ist gut so«, sagte Papa, »aber du musst dich noch besser konzentrieren. Einer von uns hätte ein Feind sein und dich anspringen können.«
   »Ich konzentrier mich ja, aber von euch war einfach nichts zu hören und zu sehen.«
   »Geräusche und Gerüche werden vom Wind getragen«, sagte Mama, »aus der Richtung des Windes kannst du sie intensiv wahrnehmen. Aus entgegengesetzter Richtung ist dies schwieriger, da musst du besonders achtgeben. Prüfe daher auch immer den Wind.«
   Chick nickte und merkte sich Mamas Worte.
   »Kaninchen müssen stets wachsam sein«, sprach Papa. »Solange du dich im Freien bewegst, darfst du nie unaufmerksam werden. Wir gehen den Abhang hinunter bis zur Wiese und du wirst die Lage regelmäßig überprüfen.«
   »Das auch noch?« Sie hatte für heute genug. »Das mach ich sowieso ständig, wenn ich mit Sangru und Amjo unterwegs bin.«
   »Das kannst du nie oft genug üben.«
   Chick trottete los. Zum Glück hatten Mama und Papa Geduld und schimpften nie. Obwohl sie die immer gleichen Übungen manches Mal nicht ausstehen konnte, gab sie sich Mühe und führte sie stets so durch, wie ihre Eltern sie erklärten. Schließlich wollte sie unbedingt und so schnell wie möglich ein vollwertiges Kaninchen sein.

2. Viel zu lernen

Die Wolken verdichteten sich. Graue, fast schwarze Schwaden zogen auf, der Tag war kaum noch als solcher zu erkennen. Chick hockte im Baueingang und beobachtete den Himmel. Erst fielen wenige Tropfen, dann mehr und mehr, bis prasselnder Regen über dem Wäldchen und den Wiesen niederging. Das Klopfen war bis in die unterirdischen Tunnel zu hören.
   Der Schauer dauerte erfreulicherweise nicht lange, der Wind blies in der Höhe die Wolken weiter. Schnell hellte die Sonne den Tag wieder auf, die letzten Tropfen verdunsteten im Fall.
   Chick steckte den Kopf aus dem Bau und sog die frische, feuchte Luft in die Nase. Die Sonnenstrahlen verwandelten den Wald in ein lebendiges Wesen. Hunderte Bienen und Hummeln nahmen ihren Flug wieder auf und summten zu den sich öffnenden Knospen der Blumen. Meisen, Amseln, Buchfinken und Zilpzalps setzten ihren Gesang fort und fluteten den Wald mit ihrem Pfeifen, Flöten und Tschilpen.
   Die Kaninchen kamen aus ihren Höhlen, um die nassen Gräser abzuschlecken und zu verspeisen. Sangru, Amjo und Chick hüpften den Hügel hinab und stärkten sich mit Gänseblümchen, Giersch und Spitzwegerich. Nach so einem Guss schmeckten die Kräuter besonders saftig.
   Anschließend zogen sie sich auf die Lichtung an der Ostseite des Wäldchens zurück. Die milde Frühlingssonne hatte den Sandboden und das kurze Gras dort getrocknet.
   Chick freute sich auf das Training, denn mit ihren Brüdern lief, schnupperte und horchte sie am liebsten um die Wette.
   »Okay«, murmelte sie, drehte sich langsam im Kreis und sah sich um.
   »Hab ich euch!« Sie zeigte auf eine Stechpalme, zwischen deren piksenden Zweigen sie Sangru entdeckt hatte.
   »Amjo, du bist hinter dem Baumstumpf.«
   Beide krochen aus ihrem Versteck.
   »Gut gemacht«, sagte Amjo.
   »Klasse, du hast uns beide gefunden.« Sangru schüttelte sein Haarbüschel.
   Chick schmunzelte und war stolz.
   »Wenn du weiter so gut übst«, sprach Amjo, »sind wir bald in keinem Schlupfloch mehr vor dir sicher.«
   »Das ist doch lächerlich«, hörten sie eine Stimme hinter sich.
   Sie drehten sich um und sahen Jessica, die Mutter der verhassten Sechserbande, aus einem Traubenkirschenstrauch zu ihnen auf die Lichtung springen. Die graue Häsin musterte sie mit verkniffenem Gesichtsausdruck.
   Dieses glatte, samtartige Fell, das wie Papa Charlis aussah und seidig in der Sonne schimmerte, verdiente Jessica mit ihrer verächtlichen Art überhaupt nicht.
   »Dem zweibeinigen Fremdling irgendetwas Kaninchenartiges beibringen zu wollen, ist vergebene Liebesmüh. Dieses Wesen kann und wird niemals ein kaninchenwürdiges Verhalten lernen.«
   »Das ist nicht wahr«, rief Chick.
   »Chick hat bereits viel gelernt und macht ständig Fortschritte.« Sangru sprang an ihre Seite.
   »Was für Fortschritte?«, höhnte Jessica. »Euch aufzuspüren war nun wirklich keine Glanzleistung. Ich hab euer Rascheln bis unter den Holunderbusch gehört.«
   »Das stimmt überhaupt nicht, wir haben uns kein Stück gerührt!« Sangrus Nackenfell sträubte sich.
   In dem Moment traten Papa Charli und Mama Tera auf die Lichtung.
   »Was ist hier los?«, fragte Mama.
   »Wir haben mit Chick geübt, doch dann ist Jessica dazugekommen und macht alles mies«, berichtete Sangru aufgebracht.
   Mama sah Jessica ernst an. »Warum mischst du dich ein?«
   »Es wird mir wohl gestattet sein, meine Meinung zu äußern. Das hat doch alles keinen Zweck, was ihr da veranstaltet.«
   »Wir haben beschlossen, Chick zu einem anständigen Kaninchen zu erziehen«, sagte Papa, »so, wie wir es mit Sangru und Amjo auch getan haben.«
   »Dieser Eindringling stellt eine Gefahr für die Kolonie dar.«
   »Chick ist vom Leitkaninchen und allen Mitgliedern der Kolonie akzeptiert worden«, sagte Papa.
   »Ach, wirklich von allen?«
   »Außer von deinen missratenen Jungen«, brummelte Sangru in seine Barthaare.
   »Von mir jedenfalls nicht, wie ihr wisst, daran wird sich auch zukünftig nichts ändern. Ihr werdet schon noch sehen, was ihr davon habt.« Jessica drehte sich um und verschwand zwischen den Zweigen der Traubenkirsche.
   »Sie kann mich nicht ausstehen.« Chick ließ den Kopf hinuntersacken. Jessicas böse Kommentare stachen sie wie Brombeerdornen.
   »Kein Wunder, dass ihre Jungen so verzogen sind«, sagte Mama, »da hat sie ganze Arbeit geleistet.«
   »Chick war heute wirklich gut und hat sich viel Mühe gegeben.« Amjo kuschelte sich an ihre Schulter.
   »Auf jeden Fall! Sie wird immer besser«, rief Sangru.
   Chick hob den Kopf und lächelte.
   »Lasst Jessica reden.« Papas aufmunternder Blick tröstete. »Sie stiftet Unruhe, wo sie kann. Haltet weiter zusammen und übt fleißig. Pflegt den Frieden und die Freundschaft mit allen anderen in der Kolonie, dann werden sie und ihre Jungen auch weiterhin mit ihrer Meinung allein dastehen.«
   Sangru, Amjo und Chick sahen ihren Vater an und nickten.
   Plötzlich sprang Ambino, der Vorsitzende des Führungsstabs, auf die Lichtung. Er war eine außergewöhnliche Erscheinung mit seinem auffallenden, hellen Fell, kurzen Ohren und seiner gedrungenen Statur. Chick und wohl auch niemand anderes sah ihm an, dass er es bis zum Vorsitzenden des Führungsstabs gebracht hatte und in der Rangordnung direkt unter dem Leitkaninchen stand. Er kam auf Papa und Mama zu.
   »Guten Tag zusammen. Ich möchte euch mitteilen, dass heute nach dem Abendgrasen eine Versammlung im großen Bau stattfindet. Das Leitkaninchen bittet um vollzählige Teilnahme.«
   »In Ordnung«, erwiderte Papa.
   Ambino lief wieder in den Wald hinein, um dem Nächsten die Nachricht auszurichten. Jeder kannte seine Disziplin und sein Bestreben, Cäsar immer wieder zu beweisen, dass er als Vorsitzender des Führungsstabs unersetzlich war, um seinen ranghohen Posten nicht an jemand Jüngeres zu verlieren.
   Mama wandte sich ihnen zu. »Ihr habt es gehört, seid bitte pünktlich.«
   Sie nickten.

Nach dem Abendgrasen machten sich alle Kaninchen auf den Weg in den Versammlungsbau, die größte Höhle im unterirdischen Tunnelsystem. Von mächtigen Eichenwurzeln in der Decke getragen, bot sie Platz für alle Koloniemitglieder, um wichtige Mitteilungen des Leitkaninchens entgegenzunehmen.
   Papa, Mama, Sangru, Amjo und Chick traten ein und setzten sich. Es waren bereits alle da und der Bau proppevoll. Jessica kehrte ihnen den Rücken zu. Ihre Söhne Silverbloom und Yarrow warfen böse Blicke herüber. Auch Cäsar war schon anwesend. Wie immer zu Beginn einer Versammlung schwatzten alle Kaninchen durcheinander.
   »Ruhe bitte«, rief Ambino lautstark in die Menge.
   Der Lärmpegel senkte sich und Cäsar begann.
   »Hört her. Ich habe diese Versammlung einberufen, weil mir berichtet wurde, wir haben mit weiteren Feinden auf unserem Land zu rechnen.«
   Chick erschrak und blickte in die Runde. Alle schauten entsetzt.
   »Die Nachricht stammt von Jago, dem Feldhasen, also aus einer zuverlässigen Quelle. Außerdem hat die Streife des Führungsstabs bereits Spuren gesichtet. Neben dem umherstreifenden Fuchs und den lauernden Greifvögeln haben sich mehrere Marder in der Nähe angesiedelt.«
   Bestürzt redeten alle wild durcheinander.
   »Ich muss um Ruhe bitten!« Ambinos durchdringende Stimme, mit der jede Bitte eher wie ein Befehl klang, sorgte für Schweigen.
   »Ihr Revier scheint am gegenüberliegenden Ufer des Baches zu beginnen. Übertritte auf die andere Seite, und damit auf unser Gelände, sind nicht ausgeschlossen. Es ist äußerste Vorsicht geboten. Und denkt daran, alles Auffällige muss sofort gemeldet werden. Die Versammlung ist hiermit beendet.«
   Die Kaninchen sahen sich beunruhigt an. Gemurmel erfüllte den Raum.
   »Ihr habt gehört, wie gefährlich es ist«, sagte Mama, »bitte seid besonders vorsichtig.«
   »Natürlich, sind wir doch immer«, versicherte Sangru.
   »Chick, ab morgen werden wir beim Üben den Schwerpunkt neben dem Sichern auch auf die Flucht legen. Sie ist überlebenswichtig«, sprach Papa.
   »Okay.« Einwände hätten sowieso keinen Zweck.
   Am nächsten Vormittag trainierte Chick mit ihrem Vater hinter der Lichtung auf der Ostwiese. Sie rannte mehrfach, so schnell sie konnte, quer über die Wiese und versuchte, das vereinbarte Ziel zu erreichen.
   Papa empfing sie am Waldrand. »Das war schon sehr gut, besser als vorher. Gleich noch mal.«
   Chick rang nach Atem und stützte die Hände auf ihre Knie. Sangru und Amjo lagen in der Nähe unter einem Holunderbusch und sahen zu.
   Sie gab ihr Bestes und sprintete erneut bis zu den Bäumen am Wall und wieder zurück. Aus den Augenwinkeln sah sie Sangrus und Amjos skeptische Blicke.
   »Wie wär’s – mit einer – Pause?« Sie keuchte. Schweiß perlte ihr von der Stirn. Ihr Herzschlag musste bis zu ihren Brüdern zu hören sein.
   »In Ordnung. Ruh dich einen Moment aus«, sagte Papa.
   Chick sank neben ihm ins schattige Gras. »Puh, das ist wirklich anstrengend.«
   »Sollte ein Feind hinter dir her sein, kannst du dich zwischendurch auch nicht einfach hinsetzen und verschnaufen. Die sofortige Reaktion und rasche Flucht ist dann die einzige Chance zum Überleben. Du musst sie beherrschen, bevor der Ernstfall eintritt.«
   »Ja, ich weiß.« Sie seufzte. Ihr stand wohl noch viel Training für eine gute Kondition bevor. Bisher lief ihr jedes Kaninchen mit Leichtigkeit davon. »He!« Zwei hellgelbe Schmetterlinge flogen an ihrer Nasenspitze vorbei. Die zarten, leuchtenden Flügel flatterten auf und ab.
   »Auf keinen Fall darfst du auf der Flucht die Orientierung verlieren. Du solltest immer den kürzesten Weg zum rettenden Unterschlupf kennen. Manchmal kannst du jedoch nicht auf dem kürzesten Weg flüchten, sondern musst versuchen, durch gekonnte Taktik den Feind zu verwirren oder dir einen Vorsprung zu verschaffen.«
   Das Zitronenfalterpärchen tanzte über den Gräsern.
   »Chick, hörst du mir zu?«
   »Ja, natürlich.« Schnell sah sie ihren Vater an.
   »Schau genau her, ich zeige es dir noch mal.« Papa stand auf, rannte von der Wiese los über die Lichtung, sprang mit einem Satz über die frei stehenden Wurzeln einer Kiefer und stoppte, kurz bevor er in einem Bau verschwunden wäre. Dann kam er zurück. Chick hatte ihn genau beobachtet.
   »Das kann ich auch, ich bin auch schnell!«
   »Pass auf«, sagte Papa, »du bist jetzt der Feind und hast mich im offenen Feld überrascht. Du versuchst, mich zu fangen und ich renne zu den Sträuchern.«
   »Au klasse, wie ein Wettrennen. Ich krieg dich!« Sie hockte sich in Startposition.
   Papa schoss los, sie preschte hinterher. Sie war ihrem Vater dicht auf den Hinterläufern. Gleich schnappte sie ihn! Da schlug Papa einen Haken und machte einen scharfen Satz nach links. Chick lief ins Leere. So ein Mist! Sie machte einen Bogen und wetzte noch schneller. Papas Vorsprung hatte sie fast wieder aufgeholt. Doch er schlug erneut einen Haken nach rechts und noch einen und noch einen. Er hatte sie abgehängt und war am Ziel.
   Prustend erreichte sie die Sträucher am Wall. »Ich hätte dich fast gehabt, wenn du nicht kurz vorher immer abgebogen wärst.«
   »Genau das meine ich. Die Kunst des Flüchtens rettet unser Leben. Du musst sie beherrschen.«
   »Kein Problem!« Sie holte tief Luft. »Ich lauf zurück bis zum Wald.« Sie rannte los und versuchte sich im Haken schlagen. Wenn ihr nur diese blöden, langen Beine nicht ständig in die Quere kommen würden, wäre sie bestimmt so geschickt wie Papa.
   Als sie erneut an dem Holunderbusch vorbeisauste, hatten sich zu Sangru und Amjo die Schwestern Tabitha, Kara, Kiwe und Rafee gesellt.
   »So ganz perfekt sieht die Wiesenakrobatik ja noch nicht aus«, meinte Tabitha.
   »Sie übt halt noch«, sagte Amjo.
   »Bei ihr dauert eben alles etwas länger, bis sie es gelernt hat. Aber das wird schon«, war Sangru sich sicher.
   »Na, hoffentlich können die Feinde so lange warten.«
   Sie würde es ihnen schon zeigen. Chick drehte die nächste Runde und ließ die kritischen Bemerkungen hinter sich.
   Sie verausgabte sich bis zu ihren letzten Kraftreserven.
   Durch das harte Training hatte sie ständig Hunger und schlang Unmengen an Beeren, Kräutern und Blüten in sich hinein. Abends fiel sie todmüde in den Bau, kuschelte sich ans Fell ihrer Brüder und schlief sofort ein.
   An einem Morgen kroch sie durch die Gänge nach draußen. Sie sicherte vorschriftsmäßig und ging hinauf auf den Gipfel des höchsten Hügels. Von hier aus überblickte sie fast das ganze Waldstück, von der Nord- rüber zur Südwiese und bis auf die Lichtung. Eichen, Buchen, Birken und Kiefern ragten von der Hügelkette empor. Oben bildeten die Baumkronen ein hohes, grünes Dach. Vereinzelte Lücken ließen die Sonne bis auf den Boden blinzeln, der durch das Spiel von Licht und Schattierungen marmoriert erschien.
   Chick legte die Handflächen hinter die Ohren. Die Geräusche um sie herum wurden lauter und deutlicher.
   Zwischen dem Gezwitscher der Vögel hörte sie plötzlich Stimmen. Unten am Abhang unterhielten sich die Geschwister Nuba, Redbunch, Irko und Sweet-Kay.
   Chick rutschte leise zwischen Sand und Laub den Hügel ein Stück auf der Nordseite hinab und verbarg sich hinter einer Stechpalme.
   Die vier bemerkten sie nicht. Nuba, ein großer Rammler mit dunklem, fast schwarzem Fell, das an den Seiten bräunliche Schattierungen besaß, sprach. »Habt ihr den riesigen Haufen Hirtentäschel gesehen, den sich das Leitkaninchen mit dem Führungsstab heute Morgen einverleibt hat?«
   »Was für ein Haufen Hirtentäschel? Wo war der?«, fragte Redbunch, der komplett anders aussah als sein Bruder. Sein Fell war hellbraun mit rötlichem Schimmer und zwischen den Ohren besaß er eine besonders rostbraune Fellhaube.
   »Eine große Staude mit langen Blüten. Am Rande der Lichtung im Sand haben sie sie verputzt«, sagte Nuba. »Angeblich sollen Ambino und Mircallion sie ausgemacht haben, kann ich mir aber kaum vorstellen. Als wenn die beiden Nebenbuhler gemeinsame Sache machen würden. Mit Sicherheit haben sie es jemandem weggeschnappt, um beim Leitkaninchen zu glänzen. Und Cäsar hat natürlich die größte Portion abbekommen, wie immer. Das muss ein Leben sein, was?«
   »Klar, wer von uns wäre nicht gern Leitkaninchen?«, schwärmte Redbunch.
   »Ach hört auf«, unterbrach Sweet-Kay, die einzige Häsin der vier. »Die Verantwortung über eine Kolonie zu haben, hat nicht nur Vorteile. Mir würde das nicht gefallen.«
   »Du bist ja bloß neidisch, weil du nie Leitkaninchen sein wirst.« Nuba zog ein spöttisches Gesicht.
   Mama hatte mal erzählt, dass es in dieser Kolonie seit Generationen üblich war, dass lediglich der stärkste Rammler die Leitung übernahm. In anderen Verbänden gab es auch Pärchen, aus dem der Rammler unter den Männchen und die Häsin über alle Weibchen die Führungsposition ausübte.
   »Ach Nuba, du hast doch bloß Angst vor Konkurrenz«, sagte Sweet-Kay. »Erzähl mir nicht, du hegst die Absicht, hier mal Leitkaninchen zu werden.«
   Nuba reckte den Hals und stellte die Ohren aufrecht. »Du wirst es selbst erleben. Und dann legst du mir die Hirtentäschelstauden zu Füßen.«
   Redbunch, Sweet-Kay und Irko brachen in Gelächter aus. »Bevor ich dir das Futter nachschleppe, hab ich mich in einen Fuchsbau verirrt!«, johlte Sweet-Kay.
   Nuba versuchte mit ernster Miene, seine Geschwister zu übertönen. »Euch vergeht noch das Lachen, ihr werdet schon sehen!«
   Chick zog sich von der Stechpalme zurück und ging den gegenüberliegenden Abhang zur Südseite hinunter.
   »Na, mir ist lieber, Nuba wird Leitkaninchen, als jemand aus der Sechserbande«, murmelte sie und spazierte unten angekommen am Waldrand entlang.
   Immer wieder hielt sie inne, legte die Hände hinter die Ohren und lauschte. Sie kniff die Augen zusammen und spähte in die Ferne oder schloss sie und schnupperte sich durch die Vielfalt der Gerüche.
   Hinter ihr knackte leise ein Zweig. Sie drehte sich ruckartig um. Es war Papa.
   »Hallo!«
   »Guten Morgen«, sagte Papa, »du hast mich bemerkt, ausgezeichnet.«
   Chick lächelte.
   »Es ist wichtig, dass du dich auf deine Sinne verlassen kannst«, betonte er. »Was hörst du?«
   Sie hielt die Hände an die Ohren, schloss die Augen und atmete ruhig und gleichmäßig. »Über mir rascheln die großen Eichenkronen. Die Amseln und Meisen erzählen sich heute besonders laut ihre Geschichten. Und Boubouliane und Balina streiten sich mal wieder.« Sie grinste. Die beiden Schwestern hatten andauernd Meinungsverschiedenheiten.
   »Und wo?«
   Sie konzentrierte sich und lauschte genauer. »Am Bauausgang zwischen den Kieferwurzeln vor der Lichtung.«
   »Sehr gut!«
   »Und ich höre – Mama!« Chick schlug die Augen auf und begrüßte lachend ihre Mutter.
   »Übt ihr schon wieder fleißig?«
   »Klar!« Voller Stolz erschnupperte sie eine große Staude goldener Löwenzahnblumen, die sie mit ihren Eltern teilte.
   Nach dem Training war es endlich Zeit, mit Sangru und Amjo zu toben. Sie liefen über die Hügel durch den Wald, sprangen über Baumwurzeln und schlugen sich durch Büsche, bis sie sich lachend und erschöpft ins Gras fallen ließen. Zufrieden streckte Chick die Arme aus. Die Sonne wärmte die Haut. Blumen und Kräuter dufteten vor der Nase. Es gab nichts Schöneres, als im Gras zu liegen und die faszinierende Welt um sich herum zu beobachten.

3. Der eigene Bau

Chick erwachte in der Elternhöhle. Sie lauschte in die Stille. Kein Rascheln, kein leises Atmen. Sie schlug die Augen auf. In Sekundenschnelle fand sie sich in der Dunkelheit zurecht und erkannte gewöhnlich die Umrisse ihrer Familienmitglieder. Doch niemand war da. Ihre Eltern und Brüder mussten bereits aufgestanden sein. Da hatte sie aber lange ausgeschlafen. Sie rollte sich mit angezogenen Beinen zur Seite. Sich auszustrecken war in dem kleinen Bau unmöglich, und von der Höhe her schaffte sie es gerade eben, sich auf die Knie aufzurichten. Sie kroch aus dem Wohnkessel durch die Verbindungsröhren in Richtung Ausgang.
   Dort vorn fiel Tageslicht in den Baueingang. Chick kam nicht so schnell voran, wie sie gern wollte. Die Röhre verengte sich immer weiter, bis sie mit den Schultern an die sandigen Höhlenwände stieß und nicht weiterkam. Was war das denn jetzt? Sie presste die Schulterblätter zusammen und versuchte, voranzurobben, doch so sehr sie sich bemühte, die Gasse blieb zu eng. Mist, vor ein paar Tagen passte das doch noch. Sie schnaufte. Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als rückwärts zu kriechen. Doch nun waren auch ihre Hüften im Tunnel eingeklemmt. Es ging weder vor noch zurück.
   »He, Chick, du verstopfst den Gang!«, rief Redbunch hinter ihr. Auch das noch.
   »Ich kann nicht weiter, ich stecke fest.«
   »Dann komm zurück.«
   »Versuch ich ja, klappt auch nicht.« Sie wand sich hin und her wie ein Regenwurm, doch sie konnte sich aus dem umklammernden Griff der Röhre nicht befreien. Sandkörner rieselten von der Decke auf sie herab.
   Nun drangen ihr auch die Stimmen ihrer Brüder in die Ohren. Wie kamen die jetzt plötzlich da hin? Aber gut, dass sie da waren.
   »Komm, wir sagen Mutter Bescheid«, meinte Amjo.
   »Ja, schnell«, stimmte Sangru zu.
   »Das gibt’s doch nicht!« Durch Redbunchs genervten Unterton fühlte sich Chick noch hilfloser. Sie hörte, wie er kehrtmachte, um einen anderen Weg zu nehmen. Warum regte der sich so auf? Schließlich war sie es, die hier in der Klemme steckte. Aber wenigstens war er weg. Beobachter konnte sie in dieser Lage überhaupt nicht gebrauchen. Oft genug stand sie im Mittelpunkt und fiel auf. Warum musste sie so viel größer sein als die anderen Kaninchen? Warum schmückte sie nicht so ein hübsches, weiches Fell? Ihre Haut war nackt wie die einer Kröte. Manchmal trieben ihr diese Ungerechtigkeiten Tränen in die Augen.
   Sie biss auf ihrer Lippe herum, bis sie von draußen Sangru und Amjo mit Mama Tera hörte. Mama kroch in den Gang und begann, durch Scharren die Passage um Chick zu verbreitern. Der Druck ließ nach. Endlich konnte sie hinauskrabbeln.
   Vor dem Ausgang saßen Papa Charli, Redbunch und Nuba neben ihren Brüdern.
   »Danke Mama.« Chick putzte sich den Sand vom Kopf und von den Schultern. »So was Blödes.« Sie schaute auf das Laub, in dem sie kniete und hoffte, dass die anderen ihrem Blick folgten. Wenn sie sich die braunen Blätter auf dem Waldboden mal genauer ansehen würden, vergaßen sie vielleicht die Sache von gerade eben.
   »Das darf aber nicht noch mal passieren«, sagte Redbunch. »Stellt euch vor, es wäre andersherum gewesen. Du versperrst den Zugang und wir kommen nicht rein. Wenn in dem Moment ein Feind hinter uns her wäre …«
   »Das geht auf keinen Fall«, sprach Nuba ernst, »wir werden es dem Führungsstab melden.«
   »Muss das sein?« Chick war nicht wohl dabei, dass um dieses Missgeschick so viel Aufsehen erregt wurde. Dann wüssten es alle. Und zwar sofort. Aber es würde sich sowieso herumsprechen. In der Kolonie gab es keine Geheimnisse. Wie der Wind sauste eine Neuigkeit über die Wiesen, um die Bäume und bis in die letzten Winkel des Höhlensystems. Und immer wieder war sie es, die für Gesprächsstoff sorgte. Leider nach Meinung der meisten anderen nicht für positiven. Dieser Vorfall wäre für Jessica und ihre Brut ein gefundenes Fressen, sogar ein überaus appetitlicher Leckerbissen.
   »Nuba, wir werden selbst mit dem Führungsstab reden und am besten auch gleich mit dem Leitkaninchen«, sagte Papa.
   Es ließ sich also nicht vermeiden. Chick sah in Sangrus und Amjos zerknirschte Gesichter. Wenn das mal gut ging.

*

Tera wurde heiß um die Ohren. Wieder einmal stand sie mit Charli im Versammlungsbau dem Leitkaninchen und Führungsstab gegenüber. Krisentreffen. Wegen des ungewöhnlichsten Jungen, das man sich als Kaninchenmutter vorstellen konnte, aufzuziehen. Vom Fuchs- oder Mardernachwuchs mal abgesehen. Mal war es Chicks lautes, auffallendes Verhalten draußen, das manchem Kaninchen die Ohren schlackern und alle fürchten ließ, die Feinde wüssten bis hinter die Reviergrenze Bescheid, wann sie die Bauten zum Grasen verließen. Dann ging es um Chicks Eingliederung in die Rangordnung und ihr vorschriftsmäßiges Benehmen Ranghöheren gegenüber. Und immer wieder war ihre unfassbare und einigen Kaninchen fast Furcht einflößende Größe das zentrale Thema, mit dem sie im wahrsten Sinn des Wortes in der Kolonie aneckte.
   »Das ist ein ernstes Problem«, Cäsar senkte nachdenklich den Kopf. »Die Erweiterungen der Vergangenheit reichen anscheinend nicht mehr.«
   »Chick wächst viel und schnell«, sagte Tera mit belegter Stimme, doch wie viel und wie schnell, hatte selbst sie sich nicht träumen lassen, als dieses nackte, fremdartige Geschöpf vor mehr als zwei Frühlingen schnurstracks in Charlis und ihren Bau gekrabbelt war.
   »Weiß irgendjemand, wann so ein fellloser Zweibeiner ausgewachsen ist?«, fragte Mircallion. Er gehörte seit einem Jahr als jüngstes Mitglied zum Führungsstab. Wie sein Vater Ambino war er von kleinem Körperbau, doch schon mehrfach hatte er bewiesen, dass in ihm ein starker, mutiger Kämpfer steckte, der an Schlauheit und Kraft Ambino längst ebenbürtig war.
   »Ich habe noch nie einen anderen Menschen gesehen, geschweige denn etwas mit einem zu tun gehabt«, sagte Cäsar, »doch ich weiß, dass unsere Zeit schneller läuft als ihre. Wir sind alt, während sie noch in der Kinderzeit stecken.«
   »Da können wir uns noch auf etwas gefasst machen. So ein Vorkommnis wird wohl kein Einzelfall bleiben.« Mircallions Bemerkung schwebte drohend wie ein Habicht über der Versammlung.
   »Das kann ja heiter werden«, sagte Ambino, »ich fürchte, manchem in der Kolonie fehlt dafür das Verständnis.«
   Auch wenn sich Ambino in Anwesenheit des Leitkaninchens grundsätzlich zu beherrschen wusste, schien es Tera, als wenn auch er dieser Diskussion mit wenig Toleranz begegnete. Hoffentlich schlug die Stimmung nicht um. Denn nur weil außer Jessica letztendlich alle Koloniemitglieder mit Chicks Aufnahme einverstanden gewesen waren, hatte Cäsar entschieden, dass sie bleiben konnte. Würde der Führungsstab diesen Beschluss nicht mehr mittragen, konnte man es von den anderen Koloniemitgliedern erst recht nicht erwarten. Tera versuchte vergeblich, das Zucken ihrer Barthaare zu unterdrücken. Sie blinzelte zur Seite und traf Charlis Blick. Selbst in brenzligen oder komplizierten Situationen blieb er die Ruhe selbst. Aus seiner Besonnenheit schöpfte sie neue Kraft.
   »Chick bewegt sich sehr vorsichtig und mittlerweile auch recht gewandt durch die Röhren.« Das tat sie wirklich, sie versuchte ihr Bestes. Das mussten sie doch anerkennen.
   »Na, wenigstens etwas, das sie gelernt hat«, erwiderte Mircallion.
   Tera schluckte. Chick war ein vollwertiges Mitglied ihrer Gemeinschaft. Daran gab es doch wohl keinen Zweifel? Von Anfang an hatte Tera sie als ihre Tochter aufgenommen und bis an ihr Lebensende würde sie sie verteidigen und in Schutz nehmen.
   »Viele haben Angst, dass die Tunnel und vor allem die Ein- und Ausgänge so groß werden, dass die Feinde hindurchpassen«, sagte Kibou, der dritte Angehörige des Führungsstabs, der aufgrund seiner Gutmütigkeit bei jedem in der Kolonie beliebt war. Bestimmt stand er auf Chicks Seite.
   »Das ist verständlich.« Cäsar nickte ein paar Mal und Tera kroch die Anspannung von den Pfoten bis in die Ohrenspitzen. »Dafür werden wir eine Lösung finden müssen.«
   Sie spürte, wie ihre Nervosität nachließ. Wenn Cäsar so sprach, hatte er sich mit Sicherheit schon etwas überlegt und sie brauchte nichts zu befürchten. Als Leitkaninchen trug er allein die Verantwortung für das Wohl und den Fortbestand der Kolonie und in seiner gesamten Amtszeit hatte er bewiesen, dass er weise, vorausschauend und gerecht entschied.
   Er ordnete an, dass die erfahrenen älteren Häsinnen Sabeja und Tarami gemeinsam mit Tera bestimmte kritische Passagen vergrößerten. Er hielt es für besser, die Gänge für Chick auszubauen, als dass durch sie im Notfall ein Weg verstopft wäre oder gar etwas zu Bruch ginge. Außerdem beauftragte er den Führungsstab, die Ein- und Ausgänge besonders gut zu tarnen und die Verborgenheit regelmäßig zu kontrollieren.
   Tera atmete auf, als Cäsar trotz der Probleme Chicks Zugehörigkeit zur Kolonie nicht infrage stellte. Dennoch behielt sie ein mulmiges Gefühl. Sie ahnte nicht nur, dass diese Maßnahme bei etlichen anderen Mitgliedern auf Kritik stoßen würde. Sie wusste es.

*

Mama und die Schwestern Sabeja und Tarami hatten kaum die ersten Kratzer getätigt, schon war Jessica zur Stelle.
   »Diese Aktion ist unverantwortlich!« Ihr letztes Wort betonte sie besonders stark. »Irgendwann begrüßen uns die Feinde, noch bevor wir einen Fuß ins Freie gesetzt haben. Meine Nerven!« Ohne auf eine Erklärung zu warten, verschwand sie durch den nächsten Tunnel.
   »Und meine erst.« Papa schüttelte die Ohren.
   Er und Chick beobachteten Mama und die anderen Häsinnen beim Graben. Gänge und Bauten auszuschachten, war bei Kaninchen grundsätzlich Aufgabe der Weibchen. Sie besaßen das Geschick, weitverzweigte unterirdische Höhlensysteme zu erschaffen, die unzähligen Generationen einen Zufluchtsort vor jeglichen Wetterbedingungen und Zugriffen von Feinden garantierten. Rammler brachten durch ihr Scharren lediglich kleine Mulden zustande. Chick hätte zu gern mitgeholfen und es auch versucht, vor allem, weil das Ganze nur ihretwegen stattfand. Doch der Höhlenbau war eine derart heikle Angelegenheit, dass nur die Häsinnen der älteren Generation dazu berechtigt waren.
   »Chick, probier mal, reicht das?«, fragte Mama, nachdem sie einen weiteren Durchgang verbreitert hatte.
   Ja, zum Glück reichte es. Sie kam durch, ohne irgendwo anzustoßen. »Ja, das passt, ist okay.« Je weniger Erde entfernt werden musste, desto besser. Dann fielen die Verbreiterungen hoffentlich nicht so auf.
   Mama nickte und verbesserte zum Schluss noch die Festigkeit der Wände und der Decke.

Chick konnte sich durch die Erweiterungen zwar wieder leichter durch die Gänge bewegen, doch außer Jessica standen viele weitere Kaninchen dieser Sache misstrauisch gegenüber.
   Mircallions Nase zuckte jedes Mal nervös, sobald Chick in seiner Nähe war. Bei jeder Begegnung mit der Sechserbande durchbohrten sie deren abfällige Blicke. Und über was tuschelten wohl die beiden Häsinnen beim Morgengrasen hinter den Brombeersträuchern?
   Chick fühlte eine Last auf ihrem Rücken, als müsste sie einen festgebundenen Ast durch die Gegend schleppen. Was konnte sie denn für ihre Größe? Am Rand der Lichtung sackten ihre Knie auf den weichen Waldboden. Sie setzte sich auf die Fersen und seufzte.
   »Ich will die Kolonie doch auch auf keinen Fall gefährden. Bestimmt sind bald alle gegen mich.« Sie zupfte an dem Moos neben ihren Füßen. Warum konnte sie nicht einfach wie die anderen sein?
   Ein Klopfen über ihr erschreckte sie. Ein Specht hämmerte mit seinem Schnabel gegen den Kiefernstamm. Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie ballte die Hände zu Fäusten und sprang mit einem Satz auf.
   »Na schön, dann grabe ich mir eben meinen eigenen Bau!«
   Wenn das nicht die beste aller Ideen war, die sie jemals gehabt hatte. Von wegen, sie wäre ein unfähiger Nesthocker, der für die Kolonie nur eine Last darstellte. Sie würde allen beweisen, dass sie für sich selbst sorgen konnte. So schwierig konnte das schließlich nicht sein, sie hatte Mama, Sabeja und Tarami genau beobachtet. Sie lief los. Ihr Bauch kribbelte vor Tatendrang.
   An einer geschützten Stelle am Fuße einer mehrstämmigen Eiche schob sie die Laubschicht am Boden zur Seite. Dann begann sie, in der Erde zu graben. Schnell hatte sie eine kleine Grube ausgehoben. In regelmäßigen Abständen nahm sie darin Platz, um zu testen, ob sie hineinpasste.
   Als ihre Brüder von dem Vorhaben erfuhren, bot Sangru an, zu helfen, doch Chick lehnte ab. Sie wollte es allein schaffen. Am Abend verzichtete sie auf das Grasen mit ihrer Familie und stärkte sich stattdessen mit ein paar Blättern Spitzwegerich und Giersch, die in der Nähe ihrer Grube wuchsen. Danach machte sie sich sofort wieder ans Werk.
   »Kommst du voran?«, fragte Amjo, der nach dem Abendbrot mit Sangru vorbeischaute.
   »He, das sieht doch schon klasse aus«, fand Sangru. »Bloß, ich weiß nicht, ob die Stelle die richtige ist. Wie willst du denn den Verbindungsgang zum Tunnelsystem herstellen? Du kannst doch hier nicht von uns allen abgeschnitten allein in deiner Höhle sitzen.«
   »Dann grab ich nach dem Bau eben auch noch einen neuen Tunnel.« Sie ließ sich nicht beirren. Fleißig schaufelte sie Erdhaufen um Erdhaufen aus dem Loch zur Seite.

Chicks Eifer ließ auch in den folgenden Tagen nicht nach. Mit Hingabe widmete sie sich dem Ausbau ihrer Höhle, die mehr und mehr Form, Größe und Tiefe annahm. Hinter dem Zugang befand sich ein Hohlraum, der zum Ende schmaler wurde. Diesen hinteren Teil musste sie noch ausbauen, denn bisher war er zu eng, um hineinzupassen. Die anderen würden staunen, was für ein gemütliches Plätzchen sie sich herrichtete. Und niemand brauchte mehr ängstlich oder aufgebracht wegen den Vergrößerungen der Gänge zu sein.
   Alle in der Kolonie wussten über die Aktion Bescheid.
   Viele Kaninchen kamen, um Chicks Leistung zu begutachten. Um sie herum standen die Schwestern Tabitha, Kara, Kiwe und Rafee, die Brüder Nuba, Redbunch und Irko sowie Silverbloom und Yarrow.
   »Was soll das sein, eine Köttelgrube?«, fragte Silverbloom voller Spott.
   So einen blöden Spruch konnte er sich sparen. Aber sie würdigte ihn keines Blickes. Heute hatte er keine Chance, ihr die Laune zu verderben. Die Neugier und das Interesse der anderen ließ sie vor Stolz platzen.
   »Sieht doch ganz manierlich aus«, meinte Redbunch.
   »Lass mal sehen.« Irko ging vor und kroch hinein.
   Chick war nicht wohl dabei. »Es ist noch nicht ganz fertig. Ich muss noch …«
   »Achtung«, rief Nuba. »Es bricht zusammen!«
   »Irko!«, kreischte Redbunch entsetzt.
   Chick packte Irko mit beiden Händen an den Hinterfüßen. Gerade noch vor dem Einsturz zog sie ihn aus dem Erdloch.
   Wie ein heißer Blitz sauste der Schreck durch ihren Körper.
   Ihre Höhle war eingefallen, der Zugang begraben. Schockiert starrten die Kaninchen auf den frisch aufgeschütteten Sandhaufen. Chick kniete regungslos davor. Niemand sprach mehr ein lobendes Wort. Ihre Arbeit wurde verflucht.
   »Tut mir leid«, stammelte sie, »es war noch nicht ganz fertig.« Am liebsten wäre sie unter dem Berg schwarzer Erde verschwunden.
   »Irko hätte tot sein können«, rief jemand aus der Menge.
   Zum Glück schien der schmächtige, zottelige Irko den ersten Schock überwunden zu haben. Er schüttelte sich und atmete tief durch. Doch die Kaninchen zogen von dannen.
   »Wühl mit deinen verlängerten Pfoten nie wieder in der Erde«, fauchte Silverbloom sie von der Seite an.
   Chick starrte auf den Sandhügel, der nicht nur ihren ersten, eigenen Bau, sondern auch die Freude und den Stolz auf ihr Können begraben hatte. Ihr Hals tat weh beim Schlucken und plötzlich merkte sie, dass ihr eine Träne über die Wange rann. Nie wieder würde sie versuchen, sich einen Bau zu graben. Die anderen konnten sowieso alles besser und ihr gelang nichts. Erst als es schon Zeit für das Abendgrasen war, trottete sie nach Hause. Die Schritte fielen ihr heute so schwer, als klebten dicke, schwere Lehmbrocken unter ihren Füßen.
   »Mach dir keine Gedanken«, sagte Mama, »auch erfahrenen Häsinnen kann es passieren, dass ein Bau mal instabil ist. Vielleicht war auch der Erdboden an der Stelle nicht fest genug.«
   Mamas Worte trösteten nicht. Zusammengebrochen war zusammengebrochen. »Wegen meiner schlechten Graberei hätte Irko verschüttet werden und sterben können.«
   »Es ist niemandem etwas passiert, denn du hast schnell reagiert. Deine Höhle ist zwar über Irko eingestürzt, aber du hast ihn auch rausgezogen und damit gerettet.«
   Chick blickte zu Boden.
   »Mach dir nichts draus, Rammler können auch nicht so gut graben wie Häsinnen.«
   »Es ist nicht nur die misslungene Höhle. Ich kann überhaupt nichts so gut wie Sangru und Amjo oder die anderen unseres Frühlings.«
   »Chick, du bist eben anders als Sangru, Amjo und die anderen, das heißt aber nicht, dass jemand besser oder schlechter ist.«
   »Ich will nicht anders sein!« Sie nahm einen Stock und schleuderte ihn in einen Haselstrauch.
   »Ich will genauso schnell laufen, genauso geschickt Haken schlagen und genauso gut hören und scharf riechen können. Aber ich kann gar nichts!«
   »Du kannst wirklich gar nichts?« Mama schaute ihr ins Gesicht. »Wer hat Irko an den Pfoten gegriffen und aus dem Erdloch gezogen? Wer pflückt oben in den Bäumen für seine Familie die unerreichbaren, saftigen Blätter? Und wer streicht uns sanft durchs Fell und krault uns hinter den Ohren, wo wir selbst nicht rankommen, wenn’s uns zwickt?«
   Chick musste grinsen. »Na ja, okay, aber alles andere …«
   »Ich finde es schön, dass meine Jungen so verschieden sind«, unterbrach Mama. »Denk an deine Brüder Sangru und Amjo. Welchen von beiden hast du lieber?«
   »Keinen. Sangru ist mutig und stark, er würde alles für seine Familie tun und sie verteidigen. Und er hat fast immer gute Laune, ist fröhlich und unternehmenslustig, mit ihm kann man prima durch die Wiesen streifen. Amjo kann dafür sehr gut zuhören und lässt mich ausreden, wenn ich ihm was erzähle. Er ist nie aufbrausend, sondern bleibt ruhig, fängt keine Streiterei an und hat oft einen guten Rat auf Lager. Und er hat so ein schönes samtig weiches Fell zum Ankuscheln.«
   »Siehst du, obwohl sie so verschieden sind, hast du beide gleich gern. Jeder hat seine guten Eigenschaften, auch du, Chick.«
   Sie sah Mama Tera an.
   »Du hast zweifellos viele Talente und Fähigkeiten, auch wenn du sie manchmal noch nicht siehst. Vertrau darauf, dann wirst du sie finden. Du hast deinen festen Platz in der Kolonie und du bist richtig so, genauso wie du bist.«
   Chick umarmte ihre Mutter und drückte die Nase in ihr flauschiges Fell. »Danke, Mama.« Sie war so erleichtert, dass ihr beinahe wieder Tränen kamen.

4. Flitt

Je länger Chick nachdachte, desto weniger mochte sie sich vorstellen, eine eigene Höhle weit abgelegen vom Elternbau zu bewohnen. Zu gern kuschelte sie sich zwischen ihre Eltern und Geschwister, um sich zu wärmen oder in Geborgenheit einzuschlafen und mit dem vertrauten Geruch der Familie aufzuwachen. Trotzdem war der Einsturz fies. Chick hätte ja nicht gleich einzuziehen brauchen. Zum Glück hielten sich die meisten Kaninchen mit bissigen Kommentaren zurück, und die Bemerkungen der Sechserbande versuchte sie, zu überhören.
   An einem Frühsommermorgen trieb Chick Sangru und Amjo in den Tunneln zur Eile an. Sie scheuchte sie förmlich vor sich her aus dem Gang. Sobald sie draußen war, rannte sie los. Ein Schwarm Sperlinge suchte aufgeschreckt das Weite.
   Bereits in aller Frühe bei Sonnenaufgang – der zu dieser Jahreszeit im Grunde genommen in der Nacht stattfand – hatte sie einen besonderen Leckerbissen gefunden.
   »Kommt schon, beeilt euch, bevor alle anderen zum Morgengrasen rauskommen. Wir müssen die Gänsedisteln unbedingt verputzen, sonst lassen sie uns nichts übrig. Schnell!« Sie hüpfte von einem Bein aufs andere. Warum brauchten die beiden denn heute so lange?
   Endlich kamen Sangru und Amjo am Waldrand an der Ostseite an. Chick lief voraus, an den ineinander verwachsenen Eichen vorbei auf die Wiese, wo sie zuvor im Licht der ersten Sonnenstrahlen eine üppige Staude gelb blühender Gänsedisteln entdeckt hatte. Stolz wollte sie diese nun ihren Brüdern präsentieren und mit ihnen zum Frühstück verspeisen. Doch was war das? Sie blieb wie angewurzelt mit offenem Mund stehen.
   »Och, nee!«
   Etwa zehn Meter weiter mitten auf der Wiese saß das Leitkaninchen und fraß genüsslich ihren Leckerbissen.
   »So’n Mist! Wäre ich vorhin bloß nicht weggegangen, sondern hätte mich draufgesetzt.«
   Sangru und Amjo hatten sie eingeholt und sahen die Bescherung.
   »Das ist wirklich ärgerlich«, sagte Sangru, »und die zarten Blätter sehen so gut aus.«
   »Wir sollten uns lieber zurückziehen, wer weiß, ob wir stören«, meinte Amjo und hopste zu den verwachsenen Eichen. Acht Eichenstämme wuchsen an dieser Stelle so nah beieinander, dass sie gemeinsame Wurzeln bildeten, die zur Wiesenseite aus der Erde herausragten. Die freigelegten Baumwurzeln boten einen guten Unterschlupf.
   Sangru und Chick folgten ihm in den Wald.
   »Leitkaninchen müsste man sein«, murrte Sangru und warf einen Blick zurück auf die entgangene Delikatesse.
   »Cäsar und der Führungsstab kriegen immer die besten Happen«, sagte Chick. Blöde Rangordnung. Sie war einfach unfair.
   »Ach kommt, wir werden auch etwas anderes finden, oder Chick?« Amjo stupste sie mit seiner weichen Nase ans Bein. Das ließ sie sich nicht zweimal sagen.
   »Okay, ich such noch mal.« Ihre schlechte Laune war verflogen. Sie liebte die Herausforderung, für sich und ihre Familie Leckereien aufzuspüren. Und meistens brauchte sie nicht lange, um fündig zu werden. Auf ihr gutes Sehvermögen war Verlass. Kaninchen hatten durch ihre seitlich gelegenen Augen zwar den Rundumblick, doch waren sie eher weitsichtig und vertrauten in ihrer unmittelbaren Umgebung lieber auf ihren hervorragenden Geruchssinn. Chick konnte auch im Nahbereich sehr scharf sehen. Wenigstens da machte ihr kein Kaninchen etwas vor. Innerhalb kurzer Zeit entdeckte sie am Rand der Lichtung schmackhaftes Knopfkraut und niemand war ihnen beim Vernaschen ins Gehege gekommen. Diese Entschädigung ließ den Vorfall auf der Wiese vergessen.
   Danach saß sie auf einem Buchenast und ließ die Beine hinunterbaumeln. Unter ihr grasten Sangru und Amjo. Chick pflückte Blätter von den Zweigen um sich herum und kostete sie, doch keines schmeckte, also ließ sie sie fallen. Unten angekommen wurden die zerfransten Blätter von Sangru und Amjo verschlungen.
   Sie sprang vom Baum und beschloss, einen Spaziergang zu machen. Ihren Brüdern versicherte sie, sich jederzeit wachsam und vorsichtig zu bewegen.
   Sie lief über die Wiesen bis zum Bach und schlenderte auf Kolonieseite am Ufer entlang. Meere von weißem Wiesenkerbel wucherten links und rechts des Wasserlaufs. Vögel trällerten aus allen Richtungen. Hübsche, farbenprächtige Schmetterlinge schwirrten umher. Chick lief ihnen nach und hielt die Hände in die Luft. Sie sprang über hochwüchsige Beifußstauden hinweg und lachte. Die bunten Falter flogen hinauf in den Himmel. Sie blieb stehen und sah ihnen hinterher. Wie toll es wohl wäre, fliegen zu können? Kein mühsames Recken oder Klettern mehr für Früchte und Blätter. Und wenn die Sechserbande auftauchte, könnte sie einfach abheben. Die würden Augen machen.
   Langsam ging sie weiter. Hüfthoch wuchsen hier die Gräser. Chick hockte sich hin. Ein perfektes Versteck, niemand konnte sie mehr sehen. Auf allen vieren walzte sie sich einen Weg durch das Grün. Sie krabbelte schneller, doch sie fand keinen Ausweg. So machte es keinen Spaß mehr. Sie stand auf und schaute sich um.
   »Hui, wo bin ich denn langgelaufen?« Von hier wirkte das Wäldchen klein wie ein Eichenblatt. Sie hatte das Koloniegelände verlassen. Es war zwar nicht verboten, einen Ausflug jenseits der Grenzen zu unternehmen, doch der Weg zu den Höhlen war weit. Sie schlug sich durch das Gras, erreichte wieder den Bach und schüttelte ihre Struwwelmähne.
   »Nanu, was ist das?« Sie beugte sich zu Abdrücken im Sandboden hinunter und malte sie mit dem Zeigefinger nach. Das waren Rehspuren. Mama hatte ihr schon mal welche gezeigt. Zwar wusste Chick nicht, wie Rehe aussahen, aber sie gehörten nicht zu den Feinden.
   Sie liebte das Spurenlesen und das war endlich mal etwas, das sie perfekt beherrschte. Egal, um welche Fußabdrücke es sich handelte, sie konnte sie alle den entsprechenden Tieren zuordnen, auch wenn sie diesen noch nie begegnet war.
   Sie folgte der Fährte und lief erneut in hohes Gras. Mit den Händen bahnte sie sich einen Weg, dennoch streiften Gräser ihr Gesicht, sodass sie immer wieder die Augen zukneifen musste. Plötzlich blieb sie stehen. Durch die langen Halme schimmerte etwas, das nicht nach Gras aussah, doch sie erkannte nichts Genaues. Vorsichtig roch und lauschte sie, vernahm aber weder einen ihr bekannten Geruch noch ein Geräusch. Langsam wich sie einen Schritt zurück, wischte die Handflächen an den Oberschenkeln ab. Hatte sie etwa Angst? Das kam gar nicht infrage. Weglaufen ging auf keinen Fall. Sie musste nachsehen.
   So leise sie konnte, schlich sie voran und öffnete nach und nach die grünen Schleier vor ihren Augen. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Ihr Herz raste. Sie nahm allen Mut zusammen, hielt den Atem an und blickte durch die Gräser hindurch. Vor ihr lag ein kleiner, rötlichbrauner Körper mit weißen Pünktchen auf dem Rücken.
   Mit einem leisen »Uih« setzte ihr Atem fort. Was war das denn für ein Tier? Wie ein Feind sah es nicht aus, das musste ein Reh sein. Die Fährte führte zu diesem schlafenden Wesen. Schritt für Schritt tastete sich Chick heran. Das Tier atmete ruhig, es lag regungslos mit geschlossenen Augen da. Sie begutachtete es genau. Ihr Herz schlug wieder langsam und regelmäßig. Mama meinte, Rehe waren riesengroß, doch dieses hier vor ihr war kleiner als sie. Chick kicherte, denn Mama musste sich stark geirrt haben.
   Ihr Gelächter weckte das braune Knäuel. Es erschrak, sprang auf und stieß zeitgleich mit Chick einen gellenden Schrei aus. Wie erstarrt standen sie sich gegenüber und sahen sich an.
   »Wer bist du?«, fragte das Reh mit ängstlich aufgerissenen Augen.
   »Ich heiße Chick und wohne in der Kolonie dort drüben in dem kleinen Wald. Und du?«
   »Mein Name ist Flitt. Bist du friedlich?«
   »Natürlich! Also ich bin kein Feind, wenn du das meinst.«
   Flitt streckte seinen Kopf nach vorn und machte einen langen Hals. Argwöhnisch schnupperte er.
   »So was wie dich hab ich noch nie gesehen. Du wohnst wo?«
   »In der Kaninchenkolonie.«
   Flitt bekam große Augen. »Du lebst bei den Kaninchen?«
   »Was soll das heißen? Ich bin ein Kaninchen!«
   »Ist ja’n Ding.« Flitt schaute verwundert und machte einen Schritt auf sie zu. »Hab Kaninchen ganz anders in Erinnerung.«
   »Wir sind eben nicht alle gleich.« Sie ging ein paar Schritte um Flitt herum und sah ihn von der Seite an. »Und du, wohnst du hier im Gras?«
   »Nein, ich habe hier bloß geschlafen, weil ich auf meine Mutter warte.«
   Chick sah an Flitts dünnen Beinen hinunter. Leicht zittrig stand er mit seinen gespaltenen Hufen auf dem flach getretenen Gras.
   »Du hast ja komische Beine und Füße.«
   »Gar nicht komisch«, protestierte Flitt. »Das muss so sein, sonst könnte ich nicht so schnell laufen. Wir Rehe sind nämlich die schnellsten Läufer in Wald und Wiese.« Er hob den Kopf und presste seine Beine stramm auf den Boden.
   »So’n Quatsch, die schnellsten Läufer sind wir Kaninchen.« Selbst der Lahmste ihrer Kolonie war flinker als dieser Angeber auf seinen wackligen Beinen dürr wie Holunderzweige.
   »Na, das wüsst ich aber«, erwiderte Flitt.
   »Wo ist deine Höhle?« Chick sah sich um, doch sie blickte nur in ein Meer aus Grashalmen.
   »Ich lebe in keiner Höhle.«
   »Nicht? Aber wo läufst du denn hin, wenn ein Feind hinter dir her ist?«
   »Ich laufe weg, so schnell ich kann. Außerdem verstecke ich mich, so wie hier.«
   »Das ist aber ein blödes Versteck, ich hab dich gleich gefunden. Ein Fuchs würde das auch tun.«
   »Dann lauf ich weg.«
   »Der Fuchs ist viel schneller als du.«
   »Ist er nicht.«
   »Ist er doch – huch! Was ist das?« Ein Rascheln der Gräser schreckte Chick auf.
   »Das ist meine Mutter.«
   Das Rascheln wurde lauter. Die Rehmutter steckte ihren Kopf durch die Gräser. Chick erschrak und taumelte zurück.
   »Mama hatte recht, Rehe sind riesig!«
   Während ihr Flitt mit den Schultern nur knapp bis zur Hüfte reichte, blickte sie der erwachsenen Ricke auf gleicher Höhe in die Augen.
   Nachdem Flitts Mutter sie gesehen hatte, stoppte sie und rief ihr Kitz zu sich.
   »Na, dann mach es gut, Chick«, sagte Flitt und sprang hinüber.
   »Sehen wir uns wieder?«, rief sie ihm hinterher.
   »Du findest mich öfter im hohen Gras in der Nähe des Weiherufers.«
   Flitts Mutter drehte sich ohne ein Wort um und machte sich mit ihm auf und davon durch die Gräser.
   »Okay, das kenne ich! Tschüß, Flitt!« Sie war sich nicht sicher, ob er es noch gehört hatte.
   Sie kroch aus dem hohen Grün, sicherte die Umgebung und lief über die Wiesen zurück in die Kolonie.

5. Kämpfe

»Hey, der Klee blüht!« Voller Freude stand Chick am Waldrand und schaute auf die Nordwiese. »Sangru, Amjo, kommt! Ich habe einen super Grasplatz gefunden. Und kein Leitkaninchen in Sicht.«
   Endlich war es Sommer geworden. Die Tage waren heiß, die Nächte kurz und die Baumkronen bedeckten den Wald mit einem mächtigen, tiefgrünen Dach. Chick genoss es, die Sonnenstrahlen auf der nackten Haut zu spüren und lachte, wenn Sangru und Amjo sich mit ihrem dicken Fell lieber in den Schatten zurückzogen. Und dann waren da noch all die leckeren Gräser, Kräuter und Beeren, die um diese Jahreszeit im Überfluss wuchsen. Besonders der Klee war eine Delikatesse, nach der sie sich die Finger leckte.
   Sangru und Amjo stürmten aus dem Erdloch. Sie fraßen gern das saftige Grün, Chick hingegen mochte am liebsten die süßlichen Blumen. Sie liefen auf die Wiese.
   »Oh, lecker«, rief Chick. »Das ist ein Festmahl.«
   »Los schnell, stopft so viel in euch hinein, wie ihr könnt«, sagte Sangru mampfend. »Wir werden beobachtet.«
   Die Sechserbande war im Anmarsch, zumindest vier von ihr. Man hatte aber auch nie seine Ruhe.
   Silverbloom, gefolgt von seinen Geschwistern Yarrow, Burdock und Carina Bruna, kam auf sie zu. Der große braune Anführer holte mit der rechten Vorderpfote aus. Sie landete mitten im Klee. Drei Blüten rissen aus und flogen zur Seite. Chick bekam eine von ihnen auf die Nase.
   »Haut ab hier!«, brüllte Silverbloom. »Löwenzahn, Klee und Gänsedisteln sind nur für die Stärksten da. Merkt euch das endlich.«
   »Du bist nicht der Stärkste«, fuhr Sangru hoch.
   Silverbloom legte die Ohren an. Yarrow, Burdock und Carina Bruna bildeten mit ihm eine Front. Amjo wich zurück.
   »Willst du es drauf ankommen lassen?« Silverblooms bissiger Unterton verdarb Chick jedes Mal die gute Laune.
   »Sie sind in der Überzahl«, flüsterte Amjo Sangru zu. Seine Hinterbeine zitterten vor Anspannung. Er schien bereit zur Flucht.
   »Diesen Klee hat Chick gefunden. Wir drei fressen ihn. Sucht euch selbst was«, sagte Sangru.
   »Es ist mir egal wie Wickenstroh, wer ihn gefunden hat«, sagte Yarrow, »wir fressen ihn. Macht Platz.«
   Die Front rückte einen Schritt näher.
   »Ich gehe nicht!« Sangru stand den vieren gegenüber.
   »Na schön, du hast es nicht anders gewollt.« Silverbloom setzte zum Sprung an.
   »Halt!«, rief Chick. »Hört auf. Warum streiten wir ständig miteinander? Warum lasst ihr uns nicht in Ruhe? Wir haben euch nichts getan. Es ist doch genug für alle da. Überall um uns herum sind Kleefelder, nehmt doch den.«
   »Hör auf mit dem dummen Geschwätz. Der Klee wird bloß welk. Geht – oder sollen wir nachhelfen?«, entgegnete Yarrow.
   »Es hat keinen Zweck«, sagte Sangru wütend, »die verstehen nichts anderes.« Er sprang Silverbloom an die Kehle und biss sich fest. Seine Hinterpfoten kratzten Fellbüschel aus.
   »Sangru«, kreischte Chick.
   Silverbloom schrie auf und fasste zu. Sangru ließ los und wurde durch die Luft geschleudert. Die Landung musste hart sein, der Aufprall schmerzte schon vom Hören. Sogleich stürzte sich Yarrow auf ihn. Das Fell flog in Büscheln. Chick musste niesen. Amjo lief in Panik hin und her. Sangru schaffte es, Yarrow zu entkommen und Halt zu finden. Blut tropfte aus zwei Bisswunden und der Nase. Silverbloom schoss vor und stieß Sangru mit beiden Hinterpfoten um.
   Das war zu viel für Chick. Sie warf sich in den Kampf und packte Silverbloom am Ohr, schüttelte ihn durch und ließ ihn zu Boden fallen.
   Nun gingen Burdock und Carina Bruna auf Chick los. Sie kratzten und bissen, sodass ihr die Tränen rannen.
   »Aua!«, rief sie immer wieder und schlug die Hände vor das Gesicht.
   Amjo flitzte davon. Sangru rang mit Silverbloom und Yarrow, doch zu zweit waren sie stärker. Chick kniete im Gras und wurde von Burdock und Carina Bruna bedroht. Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor, bis Amjo endlich mit Ambino, Papa und Mama zurückkehrte.
   »Schluss! Aufhören! Sofort!«, rief der Vorsitzende des Führungsstabs.
   Silverbloom und Yarrow ließen von Sangru ab. Verletzt rappelte er sich hoch. Burdock und Carina Bruna wichen zurück.
   »Seit wann sind hier Rangordnungskämpfe untersagt?«, knurrte Silverbloom. Es war nicht zu übersehen, dass ihm an beiden Seiten Fellbüschel fehlten.
   »Das Leitkaninchen sieht es überhaupt nicht gern, wenn diese Auseinandersetzungen unfair vonstattengehen«, ermahnte Ambino in strengem Ton.
   Chick kniff die Lippen zusammen.
   Sie wusste genau, was er meinte. Konflikte über die Rangordnung, die häufig in heftigen Raufereien endeten, gehörten in der Kolonie durchaus zum Alltag. Doch gewöhnlich wurden diese Streitereien im Zweikampf – Rammler gegen Rammler oder Häsin gegen Häsin – ausgetragen. Davon hatte die blöde Sechserbande anscheinend noch nichts gehört. Allein anzutreten, traute sich von denen wohl niemand.
   »Was heißt da unfair?«, murrte Yarrow. Seine linke Vorderpfote blutete. »Dieser Wuschelkopf und der felllose Zweibeiner haben uns angegriffen.«
   »Ihr habt angefangen!«, riefen Chick und Sangru wie aus einem Mund.
   »Ruhe, verdammt noch mal! Hier kehrt jetzt wieder Ordnung ein!« Auch wenn Ambino kräftigen Jungkaninchen wie Silverbloom nur bis zur Nasenspitze reichte, konnte er sich gewaltig aufregen. Seine Stimme wurde schrill und das Nackenfell sträubte sich bis fast über die Ohren. In dieser Situation konnte es mit ihm sehr ungemütlich werden. Chick war mit ihm bisher zum Glück noch nie ernsthaft aneinandergeraten. Doch dieses Mal hatte sie sich einfach einmischen und Sangru beistehen müssen, auch wenn sie wusste, dass er sich besser hätte zurückhalten sollen.
   Ambino verteilte an alle Beteiligten ausgiebige Verwarnungen. Der Ablauf des Streits interessierte ihn nicht. Chick fand das ungerecht. Allein die vier der Sechserbande hätten die Standpauke verdient. Wenigstens gaben sie Ruhe und zogen ab. Papa Charli und Mama Tera nahmen sie und ihre Brüder mit zum Baueingang.
   »Ist es schlimm?«, fragte Mama und leckte Chicks Kratzwunden.
   »Nein, es geht.« Sie presste die Zähne aufeinander. An ihren Armen und Beinen sowie am Rücken waren die Spuren des Kaninchenangriffs deutlich zu erkennen. Kratzer übersäten ihren Körper. So hatten nicht mal die Pusteln nach ihrem Sturz ins Brennnesselfeld geschmerzt. Zusätzlich klaffte an ihrem linken Arm eine Bisswunde.
   »Es ist eine Gemeinheit, dass sie auch auf Chick losgegangen sind. Sie hat kein schützendes Fell gegen deren Krallen«, sagte Sangru aufgebracht, während er versuchte, seinen zerzausten Pelz in Ordnung zu bringen. Seine Wunden bluteten zum Glück nicht mehr.
   Papa seufzte. Es schien sich niemand von ihnen vorstellen zu können, dass Ambinos Ermahnungen etwas bewirkt hatten.
   Die Wunden heilten gut und Chick war froh, dass die nächsten Tage friedlich verliefen. Aufgrund ihrer Verletzungen bekam sie eine Auszeit vom Training, doch schon bald war sie mit ihren Geschwistern oder Papa Charli wieder in den Wiesen unterwegs.
   »Hast du mit Sangru und Amjo laufen geübt?«, fragte Papa. »Ja, aber ich kann’s nicht.« Wieder und wieder war sie losgerannt, über die Wiesen und durch den Wald gesprintet, im Slalom quer durch Eichen und Buchen gejagt. Wie konnte Haken schlagen, das lebenswichtige Manöver für Kaninchen, nur so anstrengend sein? Chick gab ihr Bestes und wollte es unbedingt lernen, doch mit den Kommentaren der anderen machte es wirklich keinen Spaß. Laut Ambino sei ihre Schinderei nicht mehr als ein lahmes Geeiere. Mircallion sprach von Torkeltrauma. Am liebsten hätte sie aufgegeben.
   »Du musst weiterüben«, ermahnte Papa, »ich sage Sangru und Amjo nachher im Bau Bescheid.«
   »Was, morgen schon wieder?« Chick hob eine Eichel vom Boden und schmiss sie gegen den nächsten Baum.
   Vom Trainingsplatz auf der Ostwiese gingen Papa und sie zum Abendgrasen an den Holunderbüschen am Waldrand vorbei, als dort zwischen Nuba und seinem Bruder Redbunch ein Streit ausbrach.
   »He, das sagst du nicht noch mal zu mir«, rief Redbunch mit funkelnden Augen.
   »Und ob ich es sage«, erwiderte Nuba. »Ich sage allen, was du für ein feiger Hopser bist.«
   »Ich und feige? Ich kenn jemanden, der auf der Flucht eine Staubwolke aufgewirbelt hat, bloß weil er sich vor einem Brummer erschrocken hat.«
   »Ach, und wer soll das sein?«
   »Stell dich nicht dumm, Nuba. Oh, ich vergaß, du brauchst dich nicht zu verstellen. Du bist blöd wie Buchenlaub.«
   »Dich fuchsfarbenes Fellknäuel hat man wohl im falschen Bau ausgesetzt.«
   Beide Rammler stellten den Schwanz auf, legten die Ohren an und sträubten ihr Nackenfell. Sie sprangen sich an und zersausten sich gegenseitig die Backenhaare. Jeder versuchte, zu dominieren.
   Papa und Chick gingen an den zänkischen Draufgängern mit einem Sicherheitsabstand vorbei.
   »Warum streiten sie denn?«, fragte Chick.
   »Sie wollen angeben. Aus den halbwüchsigen Jungrammlern werden erwachsene Männchen. Manche sind in dieser Zeit reizbar und kämpferisch, das gehört dazu und geht wieder vorbei. Wenn sie das ausgefochten haben, sitzen sie heute Abend bestimmt wieder friedlich nebeneinander und alles ist gut.«
   »Meinst du, dass deswegen auch die Sechserbande immer so komisch zu uns ist? Ob das auch vorbeigeht?« Chick wagte kaum zu hoffen, dass die Schikane irgendwann ein Ende haben könnte. Seit deren Geburt kannte sie nichts anderes als böse Worte von Jessicas Jungen. Wenn sich das wirklich noch mal legen sollte, wurde es verdammt Zeit.
   »Was die sechs gegen euch ausfechten, allen voran ihre Anführer Silverbloom und Yarrow, geht über den normalen Konkurrenzkampf um den Rang hinaus«, meinte Papa.
   Das glaubte sie allerdings auch. Sie seufzte. Ein friedliches Miteinander war unvorstellbar.

Langsam verschwand die Sonne hinter den Bäumen. Das rote Glühen verdunkelte sich.
   Es knackte im Holunderbusch. Weiche Pfoten berührten liegendes Laub. Fast lautlos schlichen sie über den Waldboden. Flink von einem Busch zum nächsten.
   Wenig Licht durchleuchtete den Wald. Die vier Pfoten trabten entlang der Dornensträucher, durch Moos, über den umgestürzten Birkenbaumstamm, vorbei an Pilzen, Gräsern, Unterholz. Vor dem unteren westlichen Baueingang saß die Häsin Lura. Sie knabberte an einem Löwenzahn.
   Das Mondlicht löste den letzten Rotschimmer am Himmel ab. Die Pfoten gingen schnell und stoppten. Schritt für Schritt, still!
   Noch zwölf Schritte, Lura war nicht mehr weit.
   Stopp! Noch sechs Schritte – leise.
   Die Pfoten streiften Grashalme, Lura vernahm kein Geräusch. Sie kauerte am Baueingang. Noch ein paar Minuten, dann wollte sie hineingehen.
   Zwei Schritte noch, geschafft. Das war die richtige Position. Unbemerkt und versteckt.
   Es war ruhig im Wald.
   In Bruchteilen von Sekunden wurde die Ruhe durchbrochen. Wie der Blitz schossen die Pfoten vor. Sie berührten nur dreimal den Boden. Dann landeten sie auf Luras Rücken. Starr vor Panik stierte sie in zwei gierige Augen und ein Maul mit nadelspitzen Zähnen, die an ihre Kehle stachen. Ein gellender Schrei durchstieß den Wald. Gequält brach er ab. Lura konnte nur noch würgen. Ihre Augen schienen zu platzen. Wie Schraubstöcke mahlten die Kiefer aufeinander. Blut tropfte auf den Sand des Baueingangs. Der Fuchs, einer der gefürchtetsten Feinde unter den Kaninchen, packte seine Beute und sprang auf leisen Pfoten davon.

»Aua!« Chick war mit dem Kopf gegen die Decke geknallt. Klitschnass geschwitzt japste sie nach Luft. Ihr Herz raste, als hätte sie gerade um ihr Leben rennen müssen.
   »Halt die Füße still, du trittst mich«, grummelte Sangru verschlafen.
   »Du hast geträumt«, sagte Mama Tera und leckte mit ihrer sanften Zunge Chick über die Wange. Es tat gut, ihre Stimme zu hören. »Schlaf weiter.«
   Langsam rutschte sie an Mamas Seite. Hier im Bau war alles sicher, ihnen konnte nichts passieren. Es dauerte noch einen Moment, bis der Schreck und der Schmerz nachließen, dann schlief sie ein.