Was für ein Glück. Gut versteckt hinter einem Schrank im Dachstock der Oberhexe finden Kikki und Florina ein altes Fernrohr. Florina braucht es, um einen Aufsatz für die Schule zu schreiben. Kaum befindet sich dieses in ihrem Besitz, geschehen seltsame Dinge. Menschen, Autos und sogar Bäume verschwinden im Dorf der Menschen und tauchen am nächsten Tag an einem anderen Ort wieder auf. Auch im Hexenwald geht es drunter und drüber. Im Moorhexendorf wird der Brunnen gestohlen. Der Verdacht fällt auf die Waldhexen. Diese scheinen jedoch nichts damit zu tun zu haben. Was steckt hinter den ganzen geheimnisvollen Begebenheiten?

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ISBN: 978-9963-53-638-2

Seiten: 173

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Claudia Donno

Claudia Donno lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Seit 2002 nimmt das Schreiben einen wichtigen Teil in ihrem Leben ein. Daraus sind Geschichten in den Bereichen Kinder, Fantasy, Horror, Krimi und Satire entstanden, die bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden. Zurzeit arbeitet sie am sechsten Teil der Serie von Kikki Krümel. Eine liebenswerte und oftmals schusselige Junghexe. Die Bücher erscheinen hier im bookshouse-Verlag.

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Leseprobe

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Kapitel 1
Kikki Krümel und das magische Fernrohr

Kikki und Florina sausten auf ihren Hexenbesen zwischen den Bäumen hindurch. Sie waren unterwegs zum Haus der Oberhexe.
   »Wie lange sollst du ihre Katzen füttern?« Florina drehte ihren Kopf in Kikkis Richtung, worauf ihr die eigenen Haare ins Gesicht peitschten. Schnell blickte sie wieder nach vorn.
   Zum Glück, denn so konnte sie gerade noch rechtzeitig dem Stamm einer Weißtanne ausweichen.
   »Höchstens drei Wochen. So genau weiß ich das nicht. Die Oberhexe sagte, dass wir schon merken werden, wenn sie wieder zurück ist.«
   »Wo ist sie denn?«
   »In Schweden bei einem Hexenkongress. Da dürfen nur die höchsten und wichtigsten Hexen hin. Das ist strengstens geheim. Selten erzählt sie uns, was dort besprochen wurde. Außer natürlich, es ist für uns alle wichtig und betrifft diesen Wald.«
   Sie landeten im Kräutergarten vor dem rosafarbenen Haus ihrer Anführerin und stiegen von ihren Besen. Kikki zog den Zauberstab aus ihrer Umhängetasche und zeigte damit auf das schwarz schimmernde Türschloss.

»Fünf Katzen und sieben Drachen,
wir wollen nur Gutes machen.
Haus der Oberhexe, lass uns hinein,
wir benehmen uns auch artig und fein.«

Ein Pfeifen ertönte. Der Schlüssel, den Kikki mit der anderen Hand in die Luft warf, flog in das Schloss. Dort drehte er sich dreimal. Die Tür schwang mit einem Knarren auf.
   Der liebliche Duft von Froschaugentee und Gebäck, der ständig im Haus lag, strömte ihnen entgegen.
   Florina wollte schon eintreten, als Kikki sie am Arm zurückhielt.
   »Wir müssen auf die Einladung warten.«
   »Welche Einladung?«
   »Na, die …!« Kaum hatte Kikki das gesagt, erklang die Stimme der Oberhexe. Es schien, als würde sie aus jeder Ecke der Stube kommen. »Sag mir den vereinbarten Spruch! Schnell, bevor dich der Fluch des Baumschnupfens trifft!«

»Eine gute Hexe will ich sein.
Komm liebes Haus, lass mich rein!
Geschwind flog ich her,
das war für mich nicht schwer.
Denn ich bin hier,
um zu schauen dem Getier.«

»Du darfst eintreten«, ertönte die Stimme der Oberhexe erneut.
   Eine blaue Rauchwolke erschien und zog an Kikki und Florina vorbei nach draußen. Mit einem leisen Zischen löste sie sich auf.
   »Die Luft ist rein.« Kikki betrat das Haus und wurde von den fünf schwarzen Katzen der Oberhexe begrüßt, die aus allen Richtungen auf sie zueilten.
   »Hallo meine Freunde. Kommt, gehen wir futtern.« Sie ging in die Küche voraus.
   Florina und die Katzen folgten ihr.
   Kikki blicke sich in der großen Küche um. »Ist das nicht herrlich, dieses Durcheinander von Töpfen, Einmachgläsern, Kräutern und Zaubertränken, die hier überall herumstehen?«
   »Ja, mir gefällt es auch.« Florina berührte den hohen Turm aus zehn Gläsern, die in der Spüle ineinander gestapelt waren.
   »Heute herrscht noch mehr Chaos als gewöhnlich. Das ist ja wie euer Weihnachten. Sieh doch, da hängt eine Socke über dem Kupfertopf. Und der Kamin hat das Nachthemd der Oberhexe abbekommen.« Kikki klatschte begeistert in die Hände.
   Sie ging auf den steinernen Kamin mit den Drachenköpfen zu, auf dessen Sims ein geblümtes Nachthemd hing. An den Ohren der beiden Ungeheuer waren die Stinktierpantoffeln der Oberhexe aufgehängt. »Sieht so aus, als hätte sie es eilig gehabt.«
   »Hihi. Sehr eilig.« Florina betrachtete eingehend eine der Wollsocken und zog ihre Nase kraus.
   Die fünf schwarzen Katzen strichen währenddessen Kikki und Florina unentwegt um die Beine. »Keine Angst, ich habe euch nicht vergessen.« Sie zeigte mit ihrem Zauberstab auf die leeren Schälchen, die auf dem Boden standen.

»Katzenfutter, komm hierher!
Mir zu gehorchen, ist nicht schwer.
Verteilt euch in den Schalen, schön gerecht,
so ist’s jeder Katze recht.«

Kaum hatte sie den Zauberspruch aufgesagt, flogen fünf Dosen Katzenfutter aus der Vorratskammer heraus und plumpsten ungeöffnet in die Schalen.
   »Ups. Das ging wohl schief.« Kikki grinste. »Ich habe den Dosenöffnungsspruch nicht angehängt.«
   »Dann müssen wir das eben dieses Mal von Hand machen.«
   »Du hast mir doch erzählt, dass die Oberhexe ganz viele Sachen auf dem Dachstock hat. Spannende Sachen«, meinte Florina, während sie das Katzenfutter verteilten.
   »O ja. Dort gibt es alles. Damit könnte man mühelos drei Hexenhäuser einrichten. Du glaubst gar nicht, wie groß und voll er ist.«
   »Meinst du, die Oberhexe hat auch ein Fernrohr? Eines, das sie gerade nicht braucht?«
   »Für was brauchst du ein Fernrohr?«
   »Für die Schule. Ich muss fünf Seiten Text schreiben. Das Thema lautet Nah und Fern. Ich habe meiner Lehrerin gesagt, dass ich über Fernrohre schreibe. Wenn man da durchschaut, sieht man die Dinge ganz nah, obwohl sie weit weg sind.«
   »Das klingt spannend. Bestimmt hat die Oberhexe eines. Komm, gehen wir nachschauen!« Kikki packte Florina an der Hand und zog sie von der Küche in die Stube und dann die vielen Treppenstufen hinauf in den zweiten Stock. Vor dem Dachstock angekommen blieben sie stehen, um den Zettel zu lesen, der an der Tür hing.

Kikki, ich weiß, dass du gern in meinen Sachen herumstöberst. Auch wenn du bisher gedacht hast, ich hätte das nie mitgekriegt. Natürlich wirst du auch dieses Mal nicht widerstehen können. Deshalb lass dir sagen, vieles in diesem Raum ist magisch. Deshalb sollten gewisse Dinge genau da bleiben, wo sie sind. Diese zauberhaften Sachen habe ich jeweils mit einem roten Faden gekennzeichnet. Von diesen Gegenständen musst du die Finger lassen. Das befehle ich dir!

Oberhexe

PS: Schau bitte gut nach meinen geliebten Katzen!

»Oh, sie hat es die ganze Zeit gewusst!«
   »Sieht ganz so aus. Du weißt doch, sie hat ihre Augen und Ohren überall.« Florina tätschelte Kikkis Schulter.
   »Menno. Jetzt ist es nur noch halb so lustig. Komm, gehen wir rein.« Kikki öffnete die Tür und trat zur Seite, damit Florina gut in den Raum sehen konnte.
   »Der ist ja riesig! Zum Glück gibt es hier genügend Licht.« Florina blickte auf das große Fenster auf der linken Seite. »Wir dürfen keinesfalls vergessen, dass die Dinge mit einem roten Faden für uns verboten sind. Die rühren wir nicht an.«
   »Ist ja gut. Frau Oberhexe«, scherzte Kikki.
   »Ich will doch bloß, dass wir keinen Ärger kriegen«, verteidigte sich Florina.
   »Weiß ich doch. Sollen wir uns aufteilen?«
   »Klar. Obwohl, wer weiß, was hier alles herumsteht. Ich habe keine Lust, auf ein Einmachglas voller getrockneter Spinnen zu stoßen. Oder noch Schlimmeres.« Florina verdrehte ihre braunen Augen. »Du würdest mich dann schon retten, oder?«
   »Hexenehrenwort.«
   Mehrere Holztruhen standen herum, alte Betten, Tische und Stühle, zerbrochene Hexenbesen, Kessel in verschiedenen Größen, bunte Kissen, einige Lampen und bestimmt fünfhundert verstaubte Einmachgläser, die auf verschiedenen Regalen standen. Überall auf dem Boden lagen zusammengerollte Teppiche und Stoffe. Etwa dreihundert Bücher waren vor einer Wand aufgestapelt. Die wertvollsten befanden sich jedoch in einer Holztruhe. Das wusste Kikki genau.
    Rote, schwarze, blaue, grüne und weiße Kerzen standen herum. An zwei von ihnen klebte ein roter Faden.
   »Für was die wohl gut sind?«, fragte Florina und machte einen Bogen um sie.
   »Keine Ahnung. Das haben wir in der Hexenschule noch nicht durchgenommen.« Kikki setzte sich einen kanariengelben Hut auf den Kopf, den sie in einem der Schränke fand. Danach schlüpfte sie in ebenso gelbe Hexenstiefel. »Na, wie sehe ich aus?« Sie drehte sich langsam im Kreis.
   »Wie eine Vogelscheuche. Warte, das geht bestimmt noch besser.« Florina trat neben sie und nahm ein schwarzes Kleid mit riesigen silbernen Knöpfen und grünen Mustern aus dem Schrank. Sie schlüpfte hinein und begann mit den Armen zu flattern, an denen lange schwarze Federn hingen.
   »Du siehst wie eine Nebelkrähe aus.« Kikki trat ein Stück zurück, um ihre Freundin genauer zu betrachten.
   Da bemerkte sie, dass sich die grünen Muster im Stoff bewegten. Es sah aus, als würden sie sich langsam zusammenziehen. Auch der Rock schien irgendwie kleiner zu werden.
   Erst glaubte Kikki an eine Sinnestäuschung. Doch dann entdeckte sie den roten Faden am Saum des Kleides. »Schnell! Zieh es aus! Das ist verboten!«
   Florina kreischte. Sie versuchte, das Kleid auszuziehen, aber es gelang ihr nicht. Es wurde enger und enger. Sie zerrte und zog an dem Stoff, doch er wollte nicht nachgeben.
   Kikki versuchte, ihrer Freundin herauszuhelfen. Doch auch gemeinsam schafften sie es nicht.
   »Es wird immer kleiner«, jammerte Florina. »Aua.«
   »Bleib ganz ruhig stehen. Ich kenne einen Zauberspruch.«
   Als sich Florina nicht mehr rührte, zielte Kikki mit ihrem Zauberstab auf das verhexte Kleid.
   »Regenwetter an sieben Tagen,
   Florina soll dich nicht länger tragen.
   Viel zu eng bist du ihr,
   geh von ihr fort, das rate ich dir!
   Verzieh dich an deinen Platz zurück,
   nur so hast du noch Glück.
   Sonst verjage ich dich in kleinen Stücken,
   von ihrem Bauch, Bein, Hals und Rücken!«

Der Rock wimmerte, als ihn der Zauberspruch traf, und er vergrößerte sich wieder.
   Florina schlüpfte so schnell sie konnte heraus und versteckte sich hinter Kikkis Rücken. »Danke.«
   Der Rock ging jammernd zum Kleiderschrank zurück und hängte sich selbstständig auf seinen Bügel.
   Kikkis gestreifte Strümpfe kringelten sich auf und ab. »Bin ich gut oder was?«
   »Du bist spitze.« Florina wagte sich wieder hinter ihrem Rücken hervor. »Zum Glück kanntest du diesen Spruch.«
   »Den habe ich von der Oberhexe. Sie sagt ihn immer auf, wenn sie in ihren zu engen Röcken stecken bleibt.«
   »Gibt es auch einen Zauber, womit wir herausfinden, ob es hier ein Fernrohr gibt?« Florina bückte sich und hob einen alten, muffigen Stiefel in die Höhe. Schnell ließ sie ihn wieder fallen.
   »Vielleicht schon. Aber einen Suchzauber hier mit all den magischen Dingen auszusprechen, wage ich mich nicht. Wer weiß, was uns da alles um den Kopf fliegen würde.«
   »Da ist eine lange Kiste hinter dem Schrank«, sagte Florina ein paar Minuten später.
   Kikki, die gerade in einer alten Truhe voller Hexenhüte wühlte, wischte sich den Staub von der Nase und ging zu ihr. Da entdeckte sie zwischen Wand und Schrank die hölzerne Kiste, von der Florina gesprochen hatte.
   Sie streckte sich, so gut es ging. Trotzdem gelang es ihr nicht, nach der Kiste zu greifen. »Meine Arme sind zu kurz. Wir könnten versuchen, den Schrank wegzuschieben.«
   »Der ist viel zu schwer.« Florina blickte auf die vielen Dinge in seinem Inneren. »Das schaffen wir nie.«
   »Ja, wenn das so ist, muss ich wohl ein bisschen hexen.« Kikki kratzte sich am Kinn und überlegte. Es war zum Niesen. Es gab so viele Zaubersprüche, die sie in ihrem Leben schon hatte auswendig lernen müssen. Da dauerte es manchmal eine Weile, bis sie den passenden fand. Doch dann fiel er ihr wieder ein.

»Spinnenbein und Kräutersud,
Schrank, mach Platz und zwar genug.
Du darfst auch bald wieder zurück,
doch nun rutsch ein gutes Stück!«


   Es knarrte und knarzte. Aus dem Schrank wuchsen vier kräftige hölzerne Füße. Er ging ächzend einen halben Meter von der Wand weg und blieb stehen.
   »Danke, lieber Schrank.« Kikki strich über sein dunkles Holz. »Das ist nett von dir.« Sie griff nach der länglichen Kiste und zog sie hervor.
   Mehrere Bilder waren in den Deckel geritzt. Sie erkannte Sterne, den Mond, die Sonne und einige Berge. An ihrem Rand waren seltsame Zeichen eingeschnitzt. »Das sind Runen«, erklärte sie.
   »Runen?«
   »Ach, nur so eine alte Schrift, die vor ganz, ganz langer Zeit benutzt wurde.«
   »Na los, mach auf!« Florina klang ungeduldig.
   Kikki öffnete die beiden silbernen Schnallen an der Vorderseite. Langsam hob sie den Deckel an. »Was für ein Glück du hast! Es ist ein Fernrohr.«
   »Zeig mal.« Florina ging neben ihr in die Knie und strich über das glänzende Metall. »Guck mal, wie schön das ist. So eines habe ich noch nie zuvor gesehen. Es sieht alt aus. Bestimmt ist es sehr wertvoll. Wie das wohl hinter den Schrank gekommen ist?«
   »So schön chaotisch, wie die Oberhexe nun mal ist, wundert mich das nicht.« Kikki kicherte.
   Der Schrank knurrte ungeduldig.
   »Ist ja gut. Du darfst wieder an deinen Platz zurück.«
   Kikki drückte Florina das Fernrohr in die Hand und tippte mit ihrem Zauberstab dreimal gegen das dunkle Holz.

»Geh zurück an deinen Platz,
wahrlich, du warst ein Schatz.«

Der Schrank ging mit lautem Knarren und Knarzen wieder dahin zurück, wo er zuvor gestanden hatte. Kaum stand er an der richtigen Stelle, verwandelten sich seine Füße zurück.
   »Geschafft.« Florina klang erleichtert. »Lass uns das Fernrohr ausprobieren.«
   Als sie den Dachstock verließen, blickten sie sich noch einmal um. Alles sah wieder genauso aus, wie sie es vorgefunden hatten. Die Oberhexe würde dieses Mal ganz bestimmt nicht bemerken, dass sie hier gewesen waren.
   Sie hatten sich nämlich besondere Mühe gegeben, keine Spuren zu hinterlassen.
   »Ist das dort ein roter Faden?« Florina deutete auf den Schrank, hinter dem sie das Fernrohr gefunden hatten.
   »Wo?« Kikki schaute in die angegebene Richtung.
   Tatsächlich, da hing an der Seitenwand ein roter Faden von oben herab. »Uii! Hätte ich den vorher bemerkt, hätte ich es nicht gewagt, ihn einige Schritte von der Wand wegzuschicken. Da haben wir wohl mächtig Glück gehabt. Komm, gehen wir zu mir nach Hause und essen Nachtisch. Ich habe schrecklichen Hunger.«
   Kikki verschloss das Haus der Oberhexe sorgfältig hinter sich. Florina und sie stiegen auf ihre Besen und düsten zu Kikkis Hexenhäuschen.

»Kuchen, Kuchen, komm hierher,
mir zu gehorchen ist nicht schwer.
Süß sollst du sein und lecker,
wie vom besten Bäcker!«

Sie tippte mit dem Zauberstab dreimal auf den Tisch, der in der winzigen Stube stand. Dann ging sie zur Tür und öffnete sie. »Die ersten fünf Kuchen, die ich in meinem Leben herbeigehext habe, sind alle kaputtgegangen.«
   »Weshalb?« Florina hängte ihren Pullover an der Stuhllehne auf.
   »Weil sie gegen die geschlossene Tür geklatscht sind.«
   »Echt?« Florina lachte. »Das ist wirklich passiert?«
   »Natürlich. Zweimal bin ich eingeschlafen, bevor der Kuchen angeflogen kam. Einmal war ich gerade in der Badewanne und beim letzten Mal hatte ich schon wieder vergessen, die Tür zu öffnen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie hart Kuchenteig wird, wenn er über Nacht an der Außenseite der Haustür klebt. Die Fliegen und Ameisen brauchten Tage, um alles abzuknabbern.«
   In diesem Moment kam eine bunte Schachtel hereingeflogen und landeten vor ihnen auf dem Tisch.
   »Der kommt von der Bäckerei Steiner aus Waldheim«, sagte Florina. »Die können richtig gut backen.«
   »Stimmt. Von denen habe ich mir einmal einen Zitronenkuchen herbeigehext. Der war echt lecker.«
   Dieses Mal jedoch war es ein Himbeerkuchen. Er war genauso süß, wie er aussah. Sogar Esmeralda, Kikkis Lieblingsspinne, knabberte daran und verdrehte genüsslich ihre acht Augen.
   »Ich kann nicht mehr«, sagte Florina ein paar Minuten später. Sie rieb ihren Bauch. »Gleich platze ich. Komm, lass uns das Fernrohr ausprobieren.« Sie stand auf und trug die beiden Teller zur Spüle.
   Kikki zeigte mit ihrem Zauberstab auf Florinas Umhängetasche.

»Taschenzauber, fließ dort hinein, lass den Beutel größer sein! Das Fernrohr muss darin verschwinden, sodass nur wir es finden! Gut geschützt soll es werden, damit niemand kann es verderben.«

Es gab ein leises Zischen, und die Tasche begann zu wachsen.
   »Die Kiste brauchst du nicht mehr. Dem Fernrohr kann nichts passieren, wenn es da drin verstaut ist.«
   »Super.« Florina klang erleichtert. »Gehen wir nun den Wald erforschen?«
   »Klar.«

Kapitel 2
Entdeckungen

»Wir könnten Krähen beobachten. Oder die Wolken«, schlug Florina vor.
   »Oder wir fliegen zu den Moorhexen und spionieren sie aus. Wer weiß, was die so alles aushecken.«
   »O ja. Ich will schon lange wissen, wie sie sich benehmen, wenn sie allein sind.« Florina grinste hexisch.

Schnurstracks flogen sie zum stinkenden Sumpf. Der dichte Nebel, der hier das ganze Jahr über lag, waberte bis zu den Baumspitzen hoch.
   Sie flogen langsam vorwärts und erreichten schon bald die skelettartigen Bäume mit den langen grünen Fäden. Hier lag weniger Nebel, und sie fanden sich gut zurecht.
   »Pst. Jetzt müssen wir leise sein«, sagte Kikki. Sie deutete nach vorn. »Wir sind fast da.«
   Sie landeten mit ihren Besen hinter einem großen grünen Strauch und stiegen ab.
   »Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind? Ich kann die Hexenhäuser nicht sehen.«
   »Du mit deinen Menschenaugen«, witzelte Kikki. »Glaub mir, in ein paar Jahren wirst du genauso gut sehen können wie ich. Ich jedenfalls kann etwas erkennen.« Sie streckte ihren rechten Arm aus. »Da hinten, siehst du den Steinbrunnen?«
   Florina schüttelte den Kopf. »Wie denn auch?«
   »Ich zeige ihn dir.«
   Kikki blickte als Erste durch das Fernrohr. Dann überreichte sie es Florina.
   »Da ist wirklich der Brunnen der Moorhexen.« Sie klang begeistert. »Klar und deutlich kann ich ihn sehen. Es ist, als würde er direkt vor mir stehen. Als müsste ich bloß meinen Arm ausstrecken, um ihn zu berühren. Das ist toll.«
   »Lass mich wieder. Ich möchte wissen, was die Moorhexen gerade machen.« Doch anstatt das gewünschte Moorhexendorf zu sehen, sah Kikki nur den dicken Stamm einer Tanne.
   Sie schwenkte das Fernrohr ein Stückchen nach rechts und sah die halbe Tür von Ragnas Haus. Mehr nicht. Denn sobald sie sich noch weiter nach rechts bewegte, stand schon wieder ein Baum im Weg. »Bei allen Spinnen. Das ist zum Flöhe niesen. Ich schaffe es nicht, das ganze Dorf zu sehen. Immer wieder sind Bäume im Weg. Das hat keinen Sinn. Wir müssen näher ran.«
   Sie wollten gerade auf ihre Besen steigen, um näher an das Moorhexendorf heranzufliegen, als sich Kikkis Rocksaum nach oben rollte und ihre Stiefel zu jammern begannen. Kikkis und Florinas Besen ließen sich auf den Boden fallen.
   »Nanu? Was ist denn hier los?«, fragte Florina.
   Kikki spitzte ihre Ohren. Da vernahm sie mehrere Stimmen, die näher kamen. »Versteck dich! Die Moorhexen sind im Anflug.« Sie deutete nach Süden. »Von da hinten.«
   Schnell krabbelten sie unter ein Gebüsch, das sich gleich neben ihnen befand. Dort blieben sie still liegen.

»Fliegenpilz und Knollenkraut,
nun wird eine Suppe gebraut!
Blätterpilz und Schwefelkopf
kochen stundenlang im Hexentopf.
Sie sind giftig, wie jeder weiß,
doch gut gegen Hexenschweiß.
Kommt, ihr Frauen, lasst uns kochen,
eine Suppe, die noch nie ein Mensch gerochen.«

Die sieben Moorhexen flogen keine dreißig Meter von Kikkis und Florinas Versteck zwischen den Bäumen hindurch.
   »Pech gehabt. Hier wird es lange Zeit nichts Spannendes zu sehen geben. Es braucht nämlich mindestens sieben Stunden, bis diese Pilzbrühe eingekocht ist«, erklärte Kikki, nachdem die Moorhexen außer Hörweite waren. »Die werden ihre Häuser nicht so bald wieder verlassen.«
   »Du, Kikki.« Florina flüsterte.
   »Ja.«
   »Wir könnten nach Waldheim fliegen. Da gibt es immer etwas zu sehen.«
   »O ja, das wird bestimmt spannend. Bei euch Menschen ist ja so viel mehr los als hier im Hexenwald.« Kikki war von der Idee begeistert. Schließlich gab es für sie noch so viel Unbekanntes in der Menschenwelt zu entdecken. »Am besten warten wir, bis es dunkel ist. Sonst müssen wir den ganzen Weg bis nach Waldheim zu Fuß gehen. Stell dir vor, zu Fuß. Da kommen wir ja nie mehr an.«
   »Also, so schlimm ist es auch wieder nicht. Höchstens eine halbe Stunde.«
   »Das ist mehr als schlimm. Hast du jemals eine Hexe so weit marschieren sehen?«
   »Nö.«
   »Eben. Sag ich doch. Komm, verschwinden wir von hier, bevor uns die Moorhexen noch entdecken. Ich kenne da eine gute Stelle, wo wir Baumfangen spielen können.«
   »Was ist das? Habe noch nie davon gehört.«
   »Kennst du das nicht? Bei dem Spiel geht es darum, möglichst viele junge Zaubereschen zu berühren. Was nicht ganz einfach ist, denn die sind ziemlich flink.«
   »Hä? Was? Ich verstehe gar nichts.« Florina verdrehte ihre Augen.
   »Komm, ich zeige es dir.«
   Kikki führte sie zu einer Stelle im Hexenwald, wo viele junge Eschen standen. Die Bäume waren schlank und nicht höher als einen Meter.
   Einige Schritte davon entfernt, landeten sie auf der kleinen Lichtung. Kikki stieg von ihrem Besen und ging langsam auf einen der Bäume zu.
   Als sie keine zwei Armlängen mehr von ihm entfernt stand, begann er sich zu bewegen. Er zog seine Wurzeln aus dem Boden, eilte davon und blieb erst stehen, als er sich hinter einem anderen Baum befand.
   »Boah!«, machte Florina. »Das ist ja so was von cool. Ich will es auch versuchen.« Genau so langsam, wie Kikki zuvor, ging sie auf eine der jungen Eschen zu. Sie kam ihr sogar ziemlich nahe. Sie streckte ihren rechten Arm aus und hätte den Baum beinahe berührt, als dieser seine dünnen Äste zu bewegen begann und ihr auf die Hand schlug. Im nächsten Moment düste auch er davon. »Bei allen Kröten. Das macht Spaß.« Florina kicherte. »So was habe ich noch nie erlebt.«
   »Sag ich doch.« Kikki strich sich durch die Haare. »Wer zuerst fünf Jungeschen berühren kann, hat gewonnen.«
   »Au, fein. Bin dabei.«
   Sie gingen in verschiedene Richtungen davon. Kikki nach rechts, Florina nach links. Sie probierten es mit anschleichen, drauflosrennen, rückwärtsgehen – um die Bäume zu verwirren – und mit möglichst harmlosem Herumschlendern. Doch kaum kamen sie einem Baum etwas zu nahe, machte er sich davon.
   »Erwischt! Nummer eins!«, rief Florina irgendwann.
   Kikki blieb stehen und sah, dass Florina recht hatte. Ein einziger Baum war stehen geblieben. Er war viel kleiner als die anderen. Nun gab sie sich noch mehr Mühe. Rannte, so schnell sie konnte zwischen den Bäumen hindurch, hechtete mal nach vorn und dann wieder zur Seite. Trotzdem, berühren konnte sie keinen von ihnen.
   Die Eschen waren wirklich flink. Manchmal rannten gleich mehrere in dieselbe Richtung oder sprangen regelrecht zur Seite.
   »Puh, ich kann nicht mehr«, stöhnte Florina eine Stunde später. Meine Beine tun mir weh.« Sie ließ sich an Ort und Stelle auf den Boden fallen und blieb auf dem Rücken liegen.
   Kikki legte sich zu ihr. Gemeinsam blickten sie zum Himmel hinauf, der sich bereits zu verdunkeln begann.
   Während sie friedlich dalagen, wagten sich auch die Jungeschen wieder in ihre Nähe, denn jeder Baum hatte seinen eigenen Platz, zu dem er nun zurückkehrte.
   »Sie gehen schlafen«, erklärte Kikki. »Für heute ist sowieso Schluss mit fangen.«
   »Es hat großen Spaß gemacht.« Florina grinste. »Jetzt, wo es dunkel wird, können wir nach Waldheim fliegen und die Dorfbewohner beobachten.«

Eine Viertelstunde später standen sie auf einem flachen Hausdach des Menschendorfes.
   Florina reichte Kikki das Fernrohr. »Was willst du dir ansehen?«
   »Ich finde Autos gut.«
   »Was ist an denen toll?«
   »Die Farben. Und dass sie schnell fahren können.«
   »Ich finde fliegen viel schöner.« Florina blickte zu ihrem Besen, der neben ihr stand.
   »Da unten steht ein gelbes Auto und dort ein rotes. Gleich daneben ein grünes. Ein silberfarbenes kann ich auch sehen. Und ein schwarzes, noch ein schwarzes und dann ein weißes, weiter hinten steht ein Lieferwagen. Die sind so bunt wie die Blumen«, sagte Kikki begeistert, während sie durch das Fernrohr blickte.
   »Aber echt jetzt.« Florina schüttelte den Kopf. So schön sind Autos nun auch wieder nicht.«
   »Aber ihr mögt sie. Sonst würdet ihr ihnen keine Namen geben.«
   »Autos haben keine Namen.« Florina klang verwirrt.
   Nun war es Kikki, die den Kopf schüttelte. »Sag bloß, das weißt du nicht.«
   »Die heißen einfach nur Auto«, behauptete Florina.
   »Ich habe doch keine Kobolde vor den Augen. Die sind alle angeschrieben. Das gelbe Auto heißt VW und das schwarze daneben Audi. Den Grünen nennen seine Besitzer Seat. Und da drüben… ach, der heißt auch VW. Wie fantasielos. Aber der Lieferwagen, den nennt sein Besitzer Meyer-Transporte.«
   Florina lachte so laut, dass einige Fußgänger, die unten auf der Straße entlanggingen, zu ihnen nach oben schauten.
   »Du bist lustig! Das sind ihre Marken, nicht ihren Namen. Außer der letzte. Auf dem steht, dass die Firma Meyer Dinge transportiert.«
   »Marken? Was soll das denn sein?«
   »Das ist so wie mit den Hexen. Bei euch gibt es die Waldhexen, die Moorhexen, die Weiherhexen, die Dunkelhexen und die Berghexen.«
   »Ach so.« Kikki spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. »Das ist mir jetzt peinlich.« Sie begann zu lachen und hielt sich den Bauch. Dabei gab sie Töne von sich, die zwischen Quietschen, Quaken und Grunzen lagen.
   »Nicht so laut! Die hören uns noch.«
   »Wer?« Kikki konnte sich nicht beruhigen. »Und … und ich habe, hahahaha, den anderen Hexen erklärt, hahaha …, dass unsere Besen unbedingt auch Namen bräuchten. Mpfffmpfff …, weil ja bei euch jedes Auto einen eigenen hat. Pschschsch … Sonst sei das nicht gerecht! Hihihi! Autsch! Mein Bauch tut weh. Hihihii, grunz, quietsch …!«
   »Ruhe!«, rief eine Männerstimme. »Sei still, wer auch immer du bist!«
   »Ups.« Kikki hielt sich die Hand vor den Mund »Der meint wohl mich«, sagte sie leise. »Ich glaube, der wohnt unter uns.«
   Sie stieg auf ihren Besen und schwebte nach vorn bis zur Dachkante. Keine zwei Meter unter ihr blickte ein Mann mit Glatze aus einem der Fenster im obersten Stockwerk. Zum Glück schaute er auf die Straße hinab, sonst hätte er sie entdeckt.
   »Verschwinden wir von hier«, flüsterte Florina.
   Kikki nickte. Sobald sie das Fernrohr in Florinas Umhängetasche verstaut hatten, flogen sie davon.
   Kurz darauf führte Florina Kikki auf ein anderes Hausdach. »Hier wird uns niemand sehen«, sagte Kikki begeistert. »Es ist das höchste Haus im ganzen Dorf. Hier können wir uns eine Weile verstecken.«
   »Das ist eigentlich gar kein Versteck.« Florina klang verlegen.
   »Nicht?«
   »Nein. Ehm. Seit letzter Woche haben wir einen neuen Jungen in der Klasse. Felix heißt er, und ich finde ihn ziemlich süß. Er wohnt gleich da drüben.« Florina zeigte auf das Haus gegenüber mit vier Stockwerken. »Zu gern würde ich sehen, was er gerade macht.«
   »Bist du in ihn verliebt?«
   »Ich doch nicht. Na ja. Vielleicht ein bisschen«, gestand Florina.
   »Ich werde mich niemals verlieben«, behauptete Kikki. »Wie auch? Bei uns im Hexenwald wohnen keine Jungs. Und in der Hexenschule gibt es auch keine. Gehört Felix dir?«
   »Er ist nicht mein Felix.« Florinas Wangen glühten, und sie scharrte mit ihren Füßen im Kies. Ich finde ihn einfach nett.«
   Sie blickte durch das Fernrohr. »Da«, quietschte sie. »Ich kann ihn sehen! Im zweiten Stock. Das dritte Fenster von links. Er hängt gerade ein Poster auf. Von meiner Lieblingsband. Jetzt mag ich ihn noch mehr.«
   »Der mit den blonden Haaren?« Kikki kniff ihre Hexenaugen zusammen, um Felix besser sehen zu können.
   »Ja«, hauchte Florina. »Ist er nicht süß?«
   »Wie soll ich das wissen? Ich habe ihn ja nicht angeknabbert. Ich esse keine Menschen.«
   Florina knuffte ihre Freundin in den Arm. »Das habe ich auch nicht gemeint. Wenn einem jemand gefällt, sagt man, dass er süß ist.«
   »Ach.« Kikki grinste. »Ich dachte schon …« Sie beobachteten, wie Felix ein weiteres Poster an die Wand klebte. Dann trat er ans Fenster und blickte nach draußen.
   »Er hat große blaue Augen und ist wirklich nett«, schwärmte Florina. »Heute Morgen hat er mir seinen Radiergummi ausgeliehen, als ich meinen nicht finden konnte. Ich hab weiche Knie bekommen, und mein Herz raste, als er ihn mir gab.«
   »Da bist du wohl vom Liebeszauber getroffen worden. Von dem habe ich schon gehört. Das muss wirklich schlimm sein. Du Ärmste. Du tust mir leid. Tut es wirklich so weh, wie die Oberhexe behauptet?«
   »Im Gegenteil. Es ist unglaublich schön.«
   »Verstehe ich nicht«, gestand Kikki. »Wenn ich weiche Knie bekomme, dann, weil ich Angst habe.«
    Sie beobachteten Felix noch ein paar Minuten lang. Dann verließ er sein Zimmer und löschte das Licht.
   »Wie schade«, jammerte Florina und blickte auf ihre Uhr. Sie riss die Augen auf. »Was, schon so spät? Ich muss nach Hause.«
   »Ich gehe dann auch mal. Sehen wir uns morgen nach der Schule?«
   »Natürlich.«
   Sie umarmten einander und flogen in verschiedenen Richtungen auf ihren Besen davon.

Kapitel 3
Schlafwandeln?

Am nächsten Nachmittag war Kikki sehr beschäftigt. Die springenden Tomaten waren reif. Sie musste sie dringend in die Einmachgläser einfüllen, die seit Tagen in ihrer Küche bereitstanden.
   Sie kniete in ihrem Kräutergarten und verstaute die widerspenstigen Tomaten in die verschließbaren Gläser.
   Sie freute sich darüber, wie geschickt sie heute war. Nur drei Tomaten schafften es, sich aus ihren Händen zu befreien und davonzuhüpfen. Sie versteckten sich irgendwo im Wald. Sie zu suchen hatte keinen Sinn.
   Als sie mit ihrer Arbeit fertig war, strich sie zufrieden ihre Locken hinter die Ohren, stand auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Glücklich blickte sie sich um.
   Da sah sie eine Hexe direkt auf ihren Kräutergarten zufliegen.
   »Du bist aber früh hier«, sagte sie, kaum dass Florina gelandet war.
   Florina strahlte über das ganze Gesicht. »Stimmt. Ich bin so schnell geflogen, wie ich konnte.«
   »Bist du dir sicher, dass dich kein Mensch gesehen hat?«
   »Klar. Ich bin auch erst außerhalb von Waldheim auf meinen Besen gestiegen.«
   »Prima. Ich wollte eben los, um die Katzen der Oberhexe zu füttern. Kommst du mit?«
   »Sicher.« Florina grinste. »Du Kikki, ich glaube, Felix ist ein bisschen seltsam. Er erzählt komische Dinge.«
   »Der Junge von gestern Abend?« Kikki hob zwei Einmachgläser vom Boden auf und ging damit in ihr Häuschen.
   Florina folgte ihr. »Genau der.«
   »Was sagt er denn Komisches?«
   »Na ja. Er kam heute Morgen eine Stunde zu spät in die Schule. Als Frau Kiesewetter wissen wollte, weshalb, behauptete Felix, er sei in seinem Schlafanzug auf der Brücke in der Nähe seiner Wohnung aufgewacht. Natürlich ist er sofort nach Hause gegangen, um sich anzuziehen. Seine Eltern hätten sich schreckliche Sorgen gemacht, als sie merkten, dass er verschwunden ist. Nachdem er nach Hause kam, haben sie ihn eine halbe Stunde lang ausgefragt, weil sie ihm nicht glaubten und dann zur Schule gefahren. Eine seltsame Geschichte, findest du nicht?«
   »Vielleicht ist dein Felix ein bisschen plemplem.« Kikki tippte sich mehrmals mit dem Zeigefinger gegen die Stirn.«
   »Ich weiß nicht. Eigentlich scheint er mir ganz normal zu sein. Es ist auch möglich, das er schlafgewandelt ist.«
   Kikki stellte die Gläser in die Vorratskammer und spazierte wieder in den Kräutergarten hinaus. »Hihi. Das ist gut möglich. Einmal ist Fauna im Schlaf zu den Moorhexen gegangen. Dort hat sie sich neben Gundula ins Bett gelegt. Kannst dir ja vorstellen, was das für einen Ärger gegeben hat. Das Schlimmste für Fauna war, dass sie den ganzen Weg zu ihrem Häuschen zu Fuß zurückgehen musste, denn ihren Besen hatte sie nicht dabei.«
   »Ui, die Ärmste.«
   »Du, Kikki?«
   »Ja.«
   »Ich würde gern heute Nacht beobachten, ob Felix wirklich schlafwandelt. Kommst du mit?«
   »Wieso nicht? Ich habe nichts Besseres vor.«

Sie fütterten die Katzen der Oberhexe und verbrachten den restlichen Tag damit, in der Sonne zu liegen und zu faulenzen. Schließlich wollten sie heute Nacht lange wach bleiben.
   Später flogen sie auf ihren Besen aus dem Hexenwald. Erst kurz vor Waldheim stiegen sie ab und gingen den Rest des Weges zu Fuß.
   Kikki schaute auf ihre Uhr. »Es ist jetzt sechs Uhr dreißig. Wir sind noch zu früh. Ich glaube nicht, dass dein Felix jetzt schon ins Bett geht.«
   »Das glaube ich auch nicht. Komm, gehen wir zu mir nach Hause. Meine Eltern fragen schon seit Tagen, wann du uns wieder einmal besuchen kommst.«
   »Also wirkt der Zauber noch?«
   »Und wie! Sie denken noch immer, dass es das Normalste der Welt ist, dass ich eine Hexe als Freundin habe. Doch jedes Mal, wenn Sie jemandem davon erzählen wollen, schaffen sie es nicht.«
   »Prima. Dann komme ich natürlich gern.« Kikki schaute an sich hinunter und stellte fest, dass ihre Stiefel und ihr Rock voller Erde waren. Das war ja auch logisch. Schließlich hatte sie heute Nachmittag in ihrem Garten gearbeitet.
   Sie blieb stehen und zog ihren Zauberstab hervor. Damit zielte sie auf ihren Rock und dann auf ihre Stiefel.

»Schmutz, geh hinfort,
3ch will dich nicht an diesem Ort.
Geh dahin, woher du gekommen bist,
ungesehen und mit Zauberlist!«

Die Erde löste sich von ihren Kleidern und flog Richtung Hexenwald zurück.
   Kurz darauf erreichten sie das Haus, in dem Florina wohnte. Da es noch hell war, benutzen Sie das Treppenhaus, um in den vierten Stock zukommen. Wäre es dunkel gewesen, wären sie auf ihren Besen hinaufgeflogen.
   Kaum betraten sie die Wohnung, wurden sie von Florinas Eltern begrüßt.
   »Kikki! Schön, dass du wieder einmal vorbeikommst«, meinte Florinas Mama.
   »Das finde ich auch«, sagte Florinas Papa. »Du, Kikki, wenn du schon mal hier bist …« Er zog ein verlegenes Gesicht. »Könntest du mir ein paar Haare auf den Kopf hexen? Ich hätte gern etwas mehr.« Er deutete auf eine kahle Stelle an seinem Hinterkopf.
   »Das würde ich gern. Doch leider kenne ich nur einen Zauberspruch, der die Haare schneller wachsen lässt. Doch wie man mehr macht, weiß ich nicht. Ich kann die anderen Waldhexen danach fragen. Bestimmt kennen sie einen solchen Zauber. Und dann hexe ich Ihnen einen Wuschelkopf.«
   »Das wäre toll.« Florinas Papa strahlte.
   »Auf fein. Das würde ich gern sehen.« Florinas Mama grinste. »Kommt in die Küche. Es gibt Abendbrot.«
   Nachdem sie gegessen hatten und es bereits dunkel geworden war, flogen sie auf ihren Hexenbesen in Florinas Zimmer zum Fenster hinaus.
   Kurz darauf landeten sie auf dem Postgebäude von Waldheim, gleich neben dem Dorfplatz.
   Florina nahm das Fernrohr aus ihrer Umhängetasche, und abwechselnd blickten sie hindurch.
   »So viele Autos gibt es hier. Bloß im Hexenwald gibt es kein einziges«, überlegte Kikki laut. Dann zuckte sie mit ihren Schultern. »Was soll’s, das wäre auch schwierig bei so vielen Bäumen, dort mit einem Auto zu fahren.« Sie grinste. »Aber ausprobieren würde ich es trotzdem gern. Irgendwann, wenn ich groß bin.«
   »Fliegen ist viel schöner als Autofahren«, meinte Florina. »Wenn ich wählen könnte, würde ich nur noch fliegen.«
   »Auch bei Schnee und Regen?«
   »Hm. Dann vielleicht doch nicht.«
   »Ich sehe eine Katze. Sie sitzt am Straßenrand und putzt sich die Pfoten. Und da hinten im Schatten laufen drei Fußgänger.«
   »Die sehe ich auch.« Florina grinste. »Du musst die Dinge anschauen, die ganz weit weg sind.«
   »Weiß ich doch. Aber wenn ich hier durchschaue, ist alles viel, viel größer.«
   Sie blieben noch eine Weile auf dem Dach des Postgebäudes stehen, betrachteten mehrere Velofahrer, lasen die Inschrift, die auf der Kirchenglocke stand, und beobachteten die vielen Fledermäuse, die unter den Straßenlampen nach Insekten jagten.
   »Gehen wir zu Felix Wohnung?« Florinas Stimme klang sehnsüchtig. So, wie die von Isolde, wenn sie von einem guten Schweinebraten erzählte.
   »Klar. Du kannst es wohl kaum erwarten.«
   Kikki schob das Fernrohr zusammen und reichte es Florina.
   »Es ist nur deshalb so, weil es sonst vielleicht zu spät und Felix bereits schlafen könnte«, meinte Florina mit geröteten Wangen.
   Keine fünf Minuten später standen sie auf dem Hausdach gegenüber von Felix’ Wohnung. Florina spähte durch das Fernrohr in sein Zimmer. »Er liegt in seinem Bett und liest in einem Heftchen.« Sie kicherte. »Ist er nicht nett?«
   »Keine Ahnung«, gab Kikki zu.
   »Er hat so etwas Besonderes«, hauchte Florina in die Nacht hinaus.
   »Was denn? Kann er zaubern?«
   »Ich glaube nicht. Aber er riecht nach frischem Gras und Waschmittel.«
   »Und ist das gut?« Kikki verstand nicht, was Florina ihr sagen wollte.
   »Irgendwie schon.« Und dann begann Florina haargenau zu erzählen, was Felix heute in der Schule gesagt, getan oder vorn an der Wandtafel gewusst hatte. Wie ein Wasserfall redete und redete sie.
   Kikki befürchtete schon, von ihren Erzählungen Ohrenschmerzen zu bekommen, da verstummte Florina für eine Sekunde. »Felix ist aufgestanden«, flüsterte sie. »Er verlässt sein Zimmer. Menno, jetzt kann ich ihn nicht mehr sehen.« Sie klang panisch. Florina ging auf dem Dach hin und her und blickte immer wieder in Felix’ Zimmer. Sie schnaubte und blies sich die Haare aus dem Gesicht, während ihr der Hexenbesen auf Schritt und Tritt folgte.
   Kikkis Besen schüttelte seinen Stiel und pfiff vergnüglich. Dann gab er einen Ton von sich, der wie ein Kichern klang.
   Florina blieb stehen und blickte erneut durch das Fernrohr. »Er ist zurück«, sagte sie glücklich. Aber nur für diesen Moment. »Mist, jetzt hat er das Licht gelöscht. Ich kann ihn nicht mehr sehen.«
   »Das wird wohl eine lange Nacht werden«, seufzte Kikki. »Wir sollten es uns gemütlich machen.« Sie zog ihren Zauberstab hervor und ließ ihn über ihrem Kopf kreisen.

»Zwei Liegestühle, das wünsche ich mir, seid so nett und fliegt zu mir. Bequem sollt ihr sein und auch warm, wie ein ganzer Vogelschwarm. Ein Krug Eistee wäre auch ganz nett, das macht das lange Warten wett!«

Kaum hatte sie den Zauberspruch aufgesagt, kamen zwei Liegestühle herangeflogen. Sie landeten neben ihnen und falteten sich auseinander.
   »Danke.« Florina setzte sich und richtete das Fernrohr auf die Straße. »So kann ich sehen, falls Felix das Haus verlässt.
   Die Stunden vergingen, und nichts geschah. Alle paar Minuten fuhr ein Auto oder ein Velofahrer unten auf der Straße vorbei. Irgendwo hustete jemand. Abgesehen von den anderen üblichen nächtlichen Geräuschen war es still. Kikki vermisste das beruhigende Heulen der Geister, dass sie in der Nacht manchmal im Hexenwald hörte.
   Als der Morgen dämmerte, gaben sie auf. Sie schickten die Liegestühle mit einem Zauberspruch nach Hause zurück und ebenso den Eisteekrug.
   »Eins wissen wir jetzt. Heute Nacht hat Felix ganz bestimmt nicht geschlafwandelt.« Florina gähnte. »Zum Glück ist morgen schulfrei. Ich will einfach nur noch in mein Bett.«
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