Seit Mia ihre Eltern verloren hat und der kleine Bruder Joshua an einem ihr unbekannten Ort bei einer Pflegefamilie lebt, haben die Geschwister einander nicht mehr gesehen. Mia ist davon überzeugt, dass sie nie wieder glücklich sein wird. Da tritt der junge Sterngucker Jasper in ihr Leben, der fest an himmlische Mächte glaubt. Als in einer Winternacht wundersame Lichter am Himmel erscheinen und ein außergewöhnliches Wesen aus den Wolken schneit, fragt sich Mia, ob sie träumt. Oder können Wunder wirklich wahr werden? Sie folgt dem engelhaften Wesen, um Joshua zu suchen. Begleitet vom Sterngucker Jasper, ihrer zerstreuten Großmutter Melchora und dem alten Geigenlehrer Balthazár …

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ISBN: 978-9963-53-838-6

Seiten: 268

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Sabine Ludwigs

Sabine Ludwigs
Sabine Ludwigs wurde in Dortmund geboren und wuchs auch dort auf. Zur Schriftstellerei fand sie 2004 und trat kurz darauf in einer Krimi-Anthologie erstmals als Autorin in Erscheinung. Bis etwa 2010 verfasste sie ausschließlich Kurzprosa. Es folgten zahlreiche Publikationen in Anthologien, Hörbüchern und Zeitungen. 2011 erfolgte Ludwigs erste Einzelveröffentlichung: eine Kurzgeschichtensammlung (Krimis, Thriller). 2012 erschien ihr Debütroman, dem weitere Romane folgten. Inzwischen veröffentlicht die Autorin vorwiegend Unterhaltungsromane. Sabine Ludwigs Schreibstil ist ausdrucksstark, packend, eindrücklich - egal, welches Thema sie aufgreift. Sie schafft es, Spannendes und Gefühlvolles gekonnt miteinander zu verknüpfen und ihre Leser zu bewegen. Sie erhielt den Friedes-Literaturpreis des Berliner Kulturrings sowie den Literaturpreis Ideale Stiftung. Die Autorin lebt als Freiberuflerin mit ihrer Familie in Lünen an der Lippe im Ruhrgebiet. Bisher verfasste Titel: „Die Totmacher“, „Der Sommer mit dem Erdbeermädchen“, „Meine Seele weiß von dir“, „Acht Tage bis zur Ewigkeit“, „Winterspaß und Weihnachtszauber“, „Stirb! Rotköpfchen“ und zuletzt „Winterlicht“. 2018 erscheint ihr Psychothriller „Ausgeburt“.

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Der Stern von Bethlehem ist ein Stern in dunkler Nacht – auch heute noch.

Edith Stein
Ordensfrau

Prolog

Dies ist ein modernes Märchen. Ein richtiges, echtes Märchen, mit allem, was an Märchenhaftem dazugehört: mit einem König und einer Prinzessin, mit großem Unglück, Waisenkindern und Riesen. Mit Bösewichten, Helden, düsteren und guten Kräften. Und wundersamen Mächten …
   Es ist das Märchen einer Eisprinzessin namens Hanna, die fröhlich war und warmherzig.
   Das bemerkte auch der stattliche Winterkönig David, als er sie zum ersten Mal erblickte. Und es geschah, dass er sich unsterblich in die schöne Eisprinzessin verliebte.
   Der Winterkönig wohnte in einem Königshaus, das gerade groß genug war, um die Eisprinzessin zu seiner Königin zu machen. Also bat er sie zu sich und nahm sie zu seiner Frau. Und weil sie einander innig zugetan waren, lebten sie glücklich und zufrieden miteinander.
   Sie schenkten erst einer Winterprinzessin und einigen Jahren darauf einem kleinen Prinzen das Leben. Das Winterkönigspaar hätte nicht seliger sein können! Tagein, tagaus herrschte eitel Wonne und Freude in dem Schloss, und sie wünschten sich, es möge ewig weitergehen.
   Doch eines Nachts, die junge Winterprinzessin und der kleine Prinz lagen in tiefem Schlummer, schlichen der Winterkönig und die Eisprinzessin hinaus, um für sich allein auf dem zugefrorenen, mondbeglänzten See zu tanzen.
   Da brach das tückische Eis unter ihren Füßen! Das schwarze Wasser verschlang sie und zog sie in Windeseile bis tief auf den Grund des kalten Funkelsees, wo sie elendig starben.
   So waren die Königskinder in einer Nacht zu Waisen geworden. Sie hatten nur noch einander und die alte Königin mit dem roten Mantel. Im Königshaus herrschten bittere Trauer und Verzweiflung.
   Es dauerte nicht lange, da erschien eine geisterhafte Frau und nahm die Winterprinzessin mit sich, damit sie von nun an in einem Waisenhaus lebte.
   Das Brüderchen holte ein Halbriese fort. Er brachte es an einen fremden Ort, den niemand der Winterprinzessin verriet, damit sie nicht nach dem Knaben suchte und ihn zu sich holte.
   Die Winterprinzessin konnte ihr Brüderchen nicht vergessen, und das Herz tat ihr weh. Sie sehnte sich so sehr nach dem Knaben, dass es selbst die Engel rührte.
   Und so öffnete sich in einer Raunacht der Himmel, und es begann zu schneien. Es schneite die ganze Nacht, es schneite in dichten Schleiern, es schneite riesige, schimmernde Flocken. Ja, es schneite die Art von Schnee, dem wunderbare Mächte innewohnen.
   Als es aufhörte und keine Schneeflocken mehr herabfielen, nahm das Wunder seinen Lauf. Das Wunder der Winterprinzessin, die gemeinsam mit der Königin Melchora im roten Mantel, dem Sterngucker Jasper und dem alten Balthazár, mit einem Kamel und Geschenken einem vom Himmel gefallenen Stern namens Ester folgte. Um den Knaben Joshua zu finden …

Die meisten Menschen lieben den Sommer
oder den Frühling.
Meine Eltern lieben den Winter.
»Da sind wir uns zum ersten Mal begegnet«,
sagt Papa, »und im Winter
darauf haben wir geheiratet.«
Mama sagt: »Und ihr wurdet im Winter geboren.
Zuerst du, Mia König, unsere Winterprinzessin.
Danach Joshua.«
Das stimmt.
Wir Königs sind eine Familie
wie aus einem Märchenbuch.
Und wie meine Eltern und Joshua,
liebe ich den Winter, Märchen und Geschichten!

Mia

Das Winterkönigspaar

Der Eismond, so nennt Mias Mutter den Januar, macht seinem Namen alle Ehre. Denn an Neujahr ist der Tiefe See mit einer Eisschicht überzogen. Erhaben und schön wie im Wunderland, funkelt er hinter verschneiten Bäumen mit dem Raureif auf den Ästen um die Wette. Als Mia es sieht, will sie kehrtmachen, um ihre Schlittschuhe zu holen, die am Heiligabend auf dem Gabentisch lagen.
   Ihre Mutter wird ihr lachend hinterherkommen, davon ist sie überzeugt. Gefolgt von ihrem Vater, der den jauchzenden Joshua auf seinen ausladenden Schultern trägt. Weil die Beine des Dreijährigen beim Laufen durch den Schnee noch nicht lange mithalten.
   »Bleib hier. Die Eisdecke trägt noch nicht. Wir müssen noch warten«, ruft Mias Mutter stattdessen, als könnte sie Gedanken lesen.
   Mia wirft einen sehnsüchtigen Blick auf das in der Sonne gleißende Eis. »Ach, Mama!«, versucht sie, zu protestieren. Zu ihrer Enttäuschung schüttelt diese den Kopf, und Mia ist klar, dass es keinen Zweck hat, sie überreden zu wollen.
   Ihre Enttäuschung sitzt tief. Schließlich ist der Winter nicht jedes Jahr so schön. In Großstadtnähe ist es häufig zu mild. Also präsentiert sich der Winter wässrig, grau und matschig. Selbst in Winteraue, das ein gutes Stück außerhalb liegt. Ein Vorort mit einer herausgeputzten Altstadt wie auf einer Ansichtskarte.
   Das historische Rathaus mit dem trutzigen Turm und die Dorfkirche stehen mitten im Ort. Die alte Grundschule auch. In angemessenem Abstand drängen sich Fachwerkhäuser und einstöckige Bürgerhäuser um den kopfsteingepflasterten Marktplatz.
   Wald, Wiesen und der Tiefe See sind nur wenige Gehminuten vom Königshaus entfernt, da es am Dorfrand gebaut wurde. Deshalb wäre es eine Kleinigkeit, die Schlittschuhe zu holen.
   Mia mault vor sich hin. Auf den Schultern seines Vaters greift Joshua die Unmutslaute der Schwester auf. Mia findet, er sieht besonders niedlich aus mit der dunkelblauen Strickmütze, auf der in weißer Schrift ‚Eisbär‘ gestickt steht. Nebenbei bemerkt sie, dass sogar ihr Vater murrt. Aber es nützt nichts! Also warten sie.

Am darauffolgenden Tag besuchen sie Großmutter. Mia hängt zärtlich an ihrer Oma, deshalb muntert der Besuch sie auf. Melchora, liebevoll Melli genannt, ist klein, ein wenig eigentümlich und farbenfroh anzusehen. Wegen der Blusenhemden mit psychedelischen Mustern in kräftigen Farben, die sie am liebsten zu Jeans trägt. In der kalten Jahreszeit kommt ihr scharlachroter Kapuzenmantel dazu, der ihr ein wichtelhaftes Aussehen verleiht.
   Melli hat glattes, kurzes Silberhaar. Es umschließt ihren Kopf wie ein Platinhelm. Unter der tadellosen Frisur funktioniert ihr Gedächtnis an einigen Tagen leider weniger tadellos, sondern wie eine schwer kontrollierbare, ruckelnde Zeitreisemaschine.
   Das ist der Grund für Mellis Eigentümlichkeit.
   Die Zeitmaschine unter dem Haarhelm befördert sie ohne Vorankündigung vom heutigen Frühstückstisch in längst vergangene Sommer an der Küste. Oder von romantisch durchtanzten Mainächten in Pauls Armen, als sie noch Verlobte waren, in die morgige Chorprobe. Oder zu einem der vielen Heiligabende und dem Zauber vergangener Weihnachten.
   Oft ist ihr Enkel Joshua einfach Joshua für sie. Es kommt allerdings vor, dass er plötzlich ihr Sohn David ist. Der Dreikäsehoch von damals, als ihr Mann Paul noch lebte und jung war, die Geschäfte sonntags geschlossen blieben und sich die Kinder in den Ferien von Sonnenaufgang an draußen herumtrieben. Bis sie am Abend, mit Angehen der Straßenlaternen, müde und glücklich zum Abendessen zurückkehrten. Melli leidet an gutartiger Altersvergesslichkeit; sie bringt nicht mehr sofort alles in die richtige Zeitschiene.
   Gut, sie kann nicht behaupten, dass sie leidet. Der Zustand ist ihr einfach lästig! Das unvermittelte Abrutschen und Herumschwirren in den Zeiten. Dazu diese Vergesslichkeit, die im Laufe der Jahre zunahm. Weshalb Melli häufiger als früher nach den Schlüsseln, dem Portemonnaie oder einem Regenschirm sucht und Termine versäumt. Manchmal kommt es vor, dass sie Wochentage durcheinanderbringt oder ihre Adresse vergisst. Zu Verabredungen kommt sie regelmäßig zu früh oder spät, weil ihr die Uhrzeit entfällt.
   Lieder und Gedichte dagegen merkt sich Melli gut. Sie erinnert sich an alles, was sie als Mädchen in der Schule lernte, als wäre es vor einer Woche gewesen.
   Ja, ihr Verstand ist kindlicher geworden. Vielleicht, weil Kinder sorgloser sind. Doch hat das keinen verbessernden Einfluss auf ihre Vergesslichkeit. Für den Fall, dass ihr entfällt, wo sie wohnt, hat Mia ihr ein Gedicht beigebracht. Melli kann es einem Taxifahrer oder Passanten vorsagen. Zweimal hat das Adressengedicht bereits gut funktioniert.
   Ihr Vater findet, Mia soll sich die Idee patentieren lassen. Ihre Mutter sagt, sie wäre froh, nicht anwesend sein zu müssen, falls Melli ihr Gedicht aufsagt. Strammstehend, mit gerecktem Kinn, das rechte Bein einen Tick nach vorn gestreckt, die Hände gefaltet. Mit feierlichem Gehabe, als rezitierte sie Fallerslebens König Nussknacker.

»Melchora König, so heiß‘ ich.
Meine Adresse, die weiß ich!
Süße Wiesen achtunddreißig.
Im Heim »Zur Sonne«, in Alversgrund.
Manchmal hab’ ich Erinnerungsschwund.
Doch meistens läuft es gut und rund.«

Seit Melli im Herbst ihre Wohnung mit dem Schaumbad Fichtennadeltraum geflutet hat, ist sie auf eigenen Wunsch in das letzte leer stehende Apartment eines Seniorenzentrums gezogen. Es gibt ein winziges Dachgärtchen. Direkt unter den Himmel. Beim Blumengießen redet sie mit Paul.
   In der Einrichtung in Alversgrund wird sie bei Bedarf betreut und mit Mahlzeiten versorgt, lebt aber eigenbestimmt.
   »Frau Melchora ist bloß tüdelig«, betont ihre Betreuerin Corinna, um die besorgte Königsfamilie zu beschwichtigen. Mias Eltern fürchten, dass Melli an Alzheimer erkranken könnte. Beide sind heilfroh, wenn Corinna dem widerspricht. »Nein, nein! Sie ist ab und zu mal durch den Wind. Das ist alles.«
   Melli ist also tüdelig, kindlich und bei manchen Besuchen melancholisch. Dann lächelt sie kaum und erscheint nachdenklich. Die Familie nennt es ihre Nebeltage, an denen Melli Fragen nur widerwillig beantwortet. Mit ihren Gedanken ist sie wer weiß wo.
   Glücklicherweise sind Nebeltage selten. Melchoras heiteres Gemüt behält die meiste Zeit die Oberhand. Für gewöhnlich tauscht sie Glanzbilder mit Mia. Seit Kurzem sammelt Melli die Bildchen ihrer Kindheit wieder mit Leidenschaft. Bevorzugt Engel mit Glitzerstaub, die sie in einem Zigarrenkistchen verwahrt. Oder sie klebt sie in ein Poesiealbum und schreibt Verse dazu, die sie manchmal vorträgt.
   Das sind gute Besuche: Sonnentage! Stunden, in denen Melli glücklich ist und sie miteinander lachen.
   Mia gefällt es, eine kindliche Großmutter zur Freundin zu haben, Glanzbilder mit ihr zu tauschen und sich zum Abschied Verse aufsagen zu lassen, wie: »Möge der Himmel dich bewahren, vor Gefahren, Schmerz und Pein. Möge stets ein guter Engel deines Lebens Hüter sein.«

Obwohl es verabredet ist, treffen sie Melchora nicht in ihrem Apartment an, sondern finden sie nach einiger Sucherei in der Cafeteria. Hier sitzt sie mit zwei Freundinnen und ist in eine lebhafte Plauderei verstrickt. »Oh, ihr Lieben«, ruft Melchora bei ihrem Auftauchen. »Ich habe euch erst am Samstag erwartet.«
   »Melli«, antwortet David, »heute ist Samstag.«
   »Jaja, klar. Ich meine den Samstag nach Neujahr.«
   Ihre Freundinnen tauschen amüsierte Blicke. David lupft vielsagend seine Brauen. Da dämmert es Melchora. »Oje. Ich habe es vermurkst. Heute ist der Samstag nach Neujahr.« Hoffnungsfroh fügt sie an: »Oder?« Sie müssen lachen. Der anschließende Spaziergang durch den Stadtpark ist herrlich!
   Nach diesem Besuch vergehen einige Tage. Mia zählt nicht mit, wie viele es sind. Ihr kommt es jedenfalls unglaublich lang vor. An zweien dieser Tage fällt Schnee.
   »Nirgendwo schneit es schöner als bei uns in Winteraue«, behauptet ihre Mutter jedes Mal.
   Mia findet, das stimmt. Es ist so anheimelnd.
   Ein wenig vermisst sie ihre Freundinnen Judit, die wie ein Junge aussieht und sich auch so benimmt, und Nela. Doch Judit ist mit ihrem Bruder und dem Vater im Skiurlaub. Und die dauernd lachende Nela, die Judit und sie Prustekuchen nennen, ist den Großteil der Ferien bei den Großeltern zu Besuch. Aber das macht nichts, findet Mia, da sie die Weihnachtsferien am liebsten mit ihrer Familie verbringt. Vor allem, wenn es richtig schneit. Bei solchem Wetter ist Mias wintervernarrte Familie dauernd unterwegs.
   Am meisten liebt Mia das lautlose Schneegeriesel zur Weihnachtszeit. Weihnachtsschnee ist kein normaler Winterschnee. Das weiß jedes Kind. Er ist voller Verheißung! Gleichzeitig macht er die Welt stiller. Sie mag es, in dem feinen Treiben zu stehen, den Kopf in den Nacken gelegt, in die Wolken schauend, bis ihr schwindelt.
   Auch bereitet es ihr in den Schneemonaten Freude, heimlich mit Joshua vom Fenster seines Kinderzimmers aus zuzuschauen, wie nächtlicher Flockenfall das Winterkönigreich mit frischem Weiß bedeckt. Aneinandergeschmiegt sitzen sie in solchen Nächten auf der breiten Fensterbank, bezaubert und jedes Mal aufs Neue staunend.
   Oder sie beobachten tagsüber die Vögel in dem uralten Apfelbäumchen im Winterkleid, das sie Resi tauften, nach den runden roten Früchten, die es trägt.
   Ende September, Anfang Oktober (oder nach den Worten von Mias Mutter, Ende Herbstmond, Anfang Reifmond) pflücken sie das Obst. Einen Teil der saftig-süßen Ernte behält Mias Mutter für den Obstkorb und zum Einkochen. Einen Teil bekommt ihre Freundin Tine zum Verbacken. Ein paar nimmt Mia für ihren Geigenlehrer Balthazár Balthazár, er heißt wirklich so, mit. Als Dankeschön dafür, dass er sich abmüht, ihr das Geigenspiel beizubringen. Das Gartenobst wechselt mit den Jahreszeiten, Mias Untalent dagegen hält gleichbleibend an.
   Es gibt Tage, an denen Balthazár an Mias Mangel an Begabung und ihrem Sturkopf weiterzumachen, schier verzweifelt. »Mia, eher werde ich den Notenständer das Tanzen lehren als dich das Geigen.«
   Balthazár behauptet, die Äpfel schmecken wie die aus dem Garten seiner Großeltern. Einige lassen sie in Resis Zweigen, als Futter für die Vögel. Im Winter verlieren die Äpfel ihre prallen Rundungen. Sie schrumpfen, werden schrumpelig und dunkler. Als hätte Balthazár Dutzende seiner Bratäpfel aus der Röhre gezogen und den Baum bestückt. Den Vögeln scheinen sie zu schmecken.
   »Resis Äpfel sind Nikolausäpfel. Deshalb sind sie besonders apfelig und kolossal köstlich«, erzählt Mias Vater an Nikolausabenden, während Mia und Joshua ihre Gummistiefel vor die Haustür stellen. »Bevor ich das Haus kaufte, gehörte es dem Nikolaus. Aber es gibt mehr und mehr Kinder auf der Welt.« Er geht mit Mia nach oben, und sie bringen Joshua zu Bett. »Also brauchte der Nikolaus ein großes Haus mit einem größeren Garten und viel mehr Apfelbäumen. Damit er genug rote Äpfel hat, um jedem Kind einen in den Stiefel zu stecken.« Joshuas Wangen sind vor Aufregung apfelrot. Mia hört gern, wenn er auf Vaters Frage, wie Resiäpfel schmecken, antwortet: »Apfelig und tolossal töstlich.« Er spricht das K noch als T aus. In solchen Momenten möchte Mia ihm vor lauter Schwesterliebe in seine süßen Apfelbacken beißen.
   Sie fährt oft mit dem kleinen Bruder Schlitten. Oder die Familie unternimmt Spaziergänge zum See, um die Eisdecke zu inspizieren. Vorgestern haben sie einen Schneemann gebaut. Sie banden einen alten, bunten Schal ihres Vaters um seinen Hals und setzten ihm Mutters verblichenen Strohhut von den letzten Sommerferien auf. Er trägt eine ausrangierte Brille Melchoras. Sein Grinsen besteht aus pinkfarbenen Legosteinen.
   Mia gab ihm den Namen Hubertus, weil er dick ist, weiß und breit lächelt. Wie der in einen Kittel gekleidete Eiermann Hubert, der donnerstags vorfährt. »Er hat den gleichen lustigen Gesichtsausdruck«, behauptete Mia. »Und wie er nach Resis Äpfeln schielt!«
   Alle lachten. Es sieht wirklich aus, als überlege Hubertus Schneekerl, nach welchem Schrumpelapfel er zuerst greifen möchte, um ihn zu vertilgen.

An den meisten Nachmittagen kommt Tine Franke aus dem Nachbarhaus vorbei. Das Königshaus und das von Tine teilen sich einen weitläufigen Landgarten. Sie und Hanna sind seit der Grundschule befreundet. Tine hat ihren Kater Beau im Schlepptau und bringt Kuchen mit. Mia hegt eine besondere Schwäche für Tines Nusskuchen. Zwar ist ihre Mutter eine erstklassige Köchin, aber leider eine miserable Bäckerin. Obwohl sie es immer mal wieder versucht und sämtliche Backvorgaben und Rezeptangaben penibel befolgt, möchte den Kuchen am Ende niemand essen. Denn entweder ist er zu trocken oder verbrannt, versüßt oder eingefallen, matschig oder verklumpt. Selbst Mias Mutter rührt ihn nicht an. Oder Beau, der regelrecht besessen ist von Kuchen und Gebäck.
   Tine ist ein Naturtalent als Bäckerin. Mia fragte sie einmal zwischen zwei Bissen Zupfkuchen, warum sie das Backen nicht zu ihrem Beruf gemacht hat und stattdessen Kindergärtnerin geworden ist.
   »Weil ich keine Kinder bekommen kann. Da freue ich mich eben an Kindern anderer Leute«, antwortete sie.
   Tines schulterlange schwarze Ponyfrisur, das auffällige Make-up und ihr Faible für Katzen lassen sie wie eine alte Ägypterin in Jeans und Shirt erscheinen. Neben Beau hat sie zwei schwer vermittelbare Katzen vom Katzenschutzbund aufgenommen. Beide mögen erkennbar keine Menschen und meiden ihre Nähe – bis auf Tines natürlich. Der zimtfarbene Streuner Murr und die rotschwarze Schildpattkatze Pippa sind Halbwilde. Wenn sie nicht gerade in der Nachbarschaft umherstromern, klettern sie im heimischen Garten auf Bäumen herum. Oder sie stellen ohne schlechtes Gewissen Grashüpfern, Schmetterlingen, Wühlmäusen, Eichhörnchen und Vögeln nach. Müde geworden, verschwinden sie in ihrer Katzenkammer, um zu dösen. »Kuschelig, niedlich und anbetungswürdig«, schwärmt Tine.
   Derart katzentriebige Aktivitäten sind nichts für Beau. Gemessen folgt er Tine wie ihr Schatten. Er schläft in ihrem Bett, nicht in der Katzenkammer. Wenn er sie ins Königshaus begleitet und seinen Anteil vom Kuchen verspeist hat, schmeichelt er schnurrend um Mias Beine. Er weiß, auf diesem Wege fällt eine Extraportion für ihn ab.
   Seit Kurzem wünscht sich Mia eine eigene Katze. Zu ihrem Geburtstag im Dezember hat sie von den Eltern eine aufrecht sitzende schneeweiße Porzellankatze geschenkt bekommen. Deren linkes Auge ist saphirblau und das rechte goldfarben. Tine sagte, das Phänomen heißt odd-eyed. Es kommt bei weißen Katzen öfter vor. Das Besondere an der Goldiris in dem Porzellankopf aber ist die verformte Pupille. Sie ist wie ein schwarzes Sternchen gezeichnet. Sicher unabsichtlich verwischt. Ein Produktionsfehler, den Mia wunderhübsch und geheimnisvoll findet. Der klare, ruhige, ja versonnene Sternenblick hat eine Tiefe, welche die Figur lebendig wirken lässt.
   »Du kannst sie Ester nennen«, schlug ihre Mutter vor. »Das bedeutet Stern und passt zu ihr.«
   In der beiliegenden Glückwunschkarte stand: Wir sehen uns im Frühjahr! Da begriff Mia, dass, wenn die Frühlingskätzchen geboren worden sind, sie sich eines aussuchen darf.
   Bis sie eine echte, lebendige Ester bekommt, genießt sie Beaus Gesellschaft und freut sich über seine Besuche.
   Gleichzeitig fürchtet sie bei Tines Auftauchen diesen Satz, der ihr eine Gänsehaut verursacht, der in ihren Ohren wie ein ungutes Orakel dröhnt. Oder besser den ersten Teil des Satzes: »Kennst du eigentlich …«. Denn dem folgt unweigerlich eine Hiobsbotschaft.
   »Kennst du eigentlich einen Bernd Küster? Der ist unser Jahrgang, Hanna. Der Typ mit dem fahlen Gesicht, der in der Mosterei auf dem alten Gut arbeitet. Der ist tot. Sonntag. Herzinfarkt.«
   Oder: »Kennst du eigentlich eine Katharina Berner? Kathi, diese lange, dünne Frau aus der Apotheke. Die ist tot. Mittwoch. Brustkrebs.«
   Oder: »Kennst du eigentlich einen Paul Nowak? Den hundertjährigen Misanthropen aus der Buchenstraße? Der ist tot. Samstag. Überfahren.«
   Mias Vater meint nach solch Unglück verkündenden Besuchen, es sei kein Wunder, dass Tines Mann abgehauen ist. Leichen würden praktisch ihren Weg pflastern. »Tine ruft den Tod ja förmlich herbei! Jeder in ihrer Nähe muss fürchten, der Nächste zu sein, der sein Leben verwirkt hat, sobald Tine sagt Kennst du eigentlich …« Und dann intoniert er mit Düstermiene den Trauermarsch: »Daaa daaa dadaaa, dadada dada dadaaaa.«
   Mias Mutter lacht darüber, nimmt Tine dennoch in Schutz. Joshua gluckst, weil seine Mutter lacht. Mia findet das zwar nicht komisch, kichert aber trotzdem, um ihr Unbehagen zu vertreiben.
   Was, wenn ihr Vater recht hat, und Tine redet das Unglück herbei? Kennst du eigentlich … lässt Mia erstarren. Kennst du eigentlich … erscheint ihr wie ein Satzteil aus einer Bösenachtgeschichte. Hört sie diese Worte, bleibt ihr die Luft im Halse stecken wie ein Hustenanfall.
   In den Tagen, in denen sie warten, dass das Eis des Tiefen Sees trägt, sagt Tine den Unglückssatz nicht. Was bedeutet, dass in Winteraue niemand gestorben ist.
   Noch nicht.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten
im Leben meinen,
wagt er zu weinen mitten in uns.

Rainer Maria Rilke
Lyriker

Und sie lebten glücklich – bis ans Ende ihrer Tage

Bevor Mia und Joshua zur Welt kamen und David König den Mut fand, Hanna zu bitten, seine Frau zu werden, war Hanna Eiskunstläuferin und David spielte in seiner Freizeit Eishockey.
   Er bemerkte Hanna zum ersten Mal an einem besonders kalten Nachmittag Ende November. Sie trug einen bordeauxroten Trikotanzug und glitt auf der zugefrorenen Fläche (es war ein Jahrhundertwinter) des Tiefen Sees dahin wie keine andere. Anmutig tanzte sie auf schmalen Kufen. Sie vollführte elegante Sprünge, beeindruckend hoch, als existierte keine Schwerkraft. Oder sie wirbelte um die eigene Achse, die schlanken Arme weit nach oben gestreckt: Sie pirouettierte, dass ihr unter der Wollmütze hervorquellendes Haar in alle Windrichtungen spritzte.
   Nicht nur David, viele Leute hielten inne, um sich an der tanzenden Gestalt zu erfreuen. Doch weder an diesem noch an den darauffolgenden Tagen traute sich David, sie anzusprechen. Er trieb sich am See herum, bis er Hanna ausfindig machte, und umkurvte sie aus der Distanz. Er wunderte sich über den alten Mann, der trotz Kälte und Glatze keine Mütze trug und oft Geige spielte. Offenbar für die Eisprinzessin. Einmal fragte er den Geiger, ob die Eiskunstläuferin sein Spiel hören könne. Er selbst hörte es nicht, wenn er auf dem See war.
   »Je nachdem! Steht der Wind günstig, hört sie es gut. Andernfalls fängt sie ein paar Sequenzen auf. Aber das ist gleichgültig. Sie lauscht der Melodie in ihrem Kopf.«
   »Woher wissen Sie das?«
   »Von ihr. Außerdem bleibt sie auch im Rhythmus, wenn ich aufhöre, zu spielen«, erklärte der schlaksige Musiker und setzte das Instrument ab.
   Hanna stockte weder noch zögerte sie. Sie tanzte einfach weiter.
   »Sehen Sie, was ich meine?«
   David hatte genickt. Just in diesem Moment wehte eine Brise eine winzige weiße Daunenfeder herbei, die sich zu den großen Füßen des Musikers niederließ. Er hob sie auf, voll Zärtlichkeit, und ließ sie in seiner Manteltasche verschwinden, ohne im Gespräch innezuhalten. Es war ein beiläufiger Hergang. Wie blinzeln. Oder schlucken. Der Geigenmann schmunzelte. »Es ist halt in ihr.« Er stellte sich als Balthazár Balthazár vor, ehe er sein Spiel fortsetzte.
   »Ach, Tänzerinnen«, schwärmte er, »ob auf Spitzenschuhen oder Edelstahlkufen; gibt es einen anmutigeren Anblick?«
   Davids Aufmerksamkeit kehrte zu der Frau auf dem Eis zurück. »Nein. Wohl nicht.« Das Timbre seiner Stimme klang gleichzeitig rau und weich.

»Ich musste eure Mutter immerzu ansehen«, erzählt David an den langen Winterabenden, an denen sie sich mit Geschichten vor dem Kamin einnisten. David sitzt mit einem Glühwein in seinem roten Nikolaussessel. Die drei anderen Königs schmiegen sich in die ausladenden moosgrünen Kaminkissen vor dem Feuer und trinken heiße Milch mit Tausendblütenhonig und einem Stäubchen Zimt. Im Zimmer verbreitet sich ein Duft nach blauen Trauben und Honigblüten. Es riecht buttrig, zimtig und nach brennendem Holz. Auf den lodernden Scheiten tanzen Funken. Sie stieben durch den Schlot, ehe sie in die Dunkelheit entschwinden, während David erzählt:
   Wie er eines Nachmittags eintraf und das Eis auf dem See aufgerissen fand. Dass ihm daraufhin der Schweiß ausbrach, weil er fürchtete, er hätte die Eisprinzessin verloren. Und zu allem Übel konnte er den Geigenspieler nicht finden, der sie doch kannte.
   Aber ein gutes Schicksal wollte, dass sich Hanna und David wieder begegneten. Sie trafen in der neuen Eissporthalle aufeinander, in der sie seit Kurzem trainierten. Davids Training begann, wenn Hannas endete. Also kam er früher, um ihr nahe zu sein.
   Sie tanzte manchmal in einem perlenbestickten, lilienweißen Eislaufkleid. Unzählige Male stand David an der Bande und schaute zu. Und sie, sie schaute unzählige Male zurück.
   Kurz vor Ende der Saison gestanden sie sich, ineinander verliebt zu sein. Jeder hatte sein Herz verloren – und das des anderen gewonnen. Also wurde aus der Eisprinzessin Hanna mit dem Perlenkleid die Frau des Winterkönigs David.

*

Mia hört die Geschichte allzu gern und trägt mit Vergnügen das Eisprinzessinnenkleid, das ihrer Mutter zu eng geworden ist. Zig Abende sitzt sie, Tausendblütenhonigmilch schlürfend, mit Joshua und ihrer Mutter auf den Kissen zwischen dem Kaminfeuer und Davids rotem Plüschsessel. Diesem Möbel, von dem der väterliche Geschichtenerzähler in der Adventszeit gern behauptet, es bei der Hausübergabe vom Nikolaus übernommen zu haben.
   Zu einem guten Preis, versteht sich. Der Sessel hatte nicht durch die Tür gepasst.
   Worauf Joshua unausbleiblich feststellt: »Der ist zu tlotzig.«
   »Genau. Nikolaus schnaufte mächtig, als wir versuchten, den Sessel rauszubekommen.« Ihr Vater ächzt und stöhnt. Seine Mimik ist angestrengt, als würde er etwas Schweres tragen.
   Tatsächlich ähnelt sein Gesichtsausdruck einem Nikolaus aus einem von Joshuas Bilderbüchern. Weshalb sich Joshua vor lauter Ehrfurcht kaum zu rühren wagt. Er stellt sich sicher vor, wie sich sein Vater und Nikolaus mit dem Sessel plagten. Wie sie am Ende kapitulierten und das Riesending vor dem Kamin platzierten.
   Mia in dem Perlenkleid rührt sich ebenfalls kaum. An solchen Abenden, die wie Zeitschleifen sind, malt sie sich Mutters und Vaters Geschichte aus. Sie klingt genau wie ein Märchen! Das Märchen von der Eisprinzessin und dem Winterkönig. Die ihre Liebe auf dem Eis des Tiefen Sees von Winteraue fanden. Und sie lebten glücklich mit ihren Königskindern.
   Bis an ihr Lebensende.

Beinahe hat Mia die Hoffnung verloren, aber dann passiert es doch! Am letzten Samstag vor dem Ferienende überzieht Frost die Welt. Er macht die Luft klirrend und klar und das Eis stark.
   Es ist lausig kalt im Winterkönigreich! Mia begrüßt die Kälte begeistert, weil ihre Mutter beim Frühstück den ersehnten Satz ausspricht. Ein bisschen atemlos, voller Freude. Sie klingt wie die Eisprinzessin von damals. »Kommt, lasst uns auf dem Eis tanzen!«
   Mia läuft auf ihr Zimmer, um sich umzuziehen. »Beeil dich«, drängt ihr Vater von unten, »damit wir bald loskönnen.«
   »Jaha.«
   Rasch zieht Mia gefütterte Leggins an. Sie schlüpft in ihre hellblaue Winterjacke und stülpt die dazu passende Mütze über. Von der Diele her hört sie, dass sich die Eltern in ausgelassener Erwartung unterhalten. Einzelne Worte versteht sie nicht, aber sie sprechen liebevoll miteinander.
   Joshua beobachtet seine Schwester durch einen Türspalt. Hell erkennt sie das Jungengesicht im Zwielicht des Korridors. Er späht mit Augen wie Christbaumkugeln zu ihr ins Zimmer. Joshua trägt sein Schmusetier bei sich: Tleiner, (eigentlich Kleiner), ein plüschiges Kamel mit Schlenkerbeinen. Mia hat es ihm am Tag seiner Geburt von ihrem Ersparten gekauft und in den Stubenwagen gelegt. Seither ist Tleiner sein heiß geliebter Begleiter. Und falls es das gibt, dass ein Kind und ein Stofftier allerbeste Freunde sein können, sind Joshua und Tleiner genau das: die dicksten, allerbesten Freunde.
   Mia öffnet die Tür weiter. »Soll ich dir beim Anziehen helfen, Joshi?«
   »Ja. Ich will schnell raus!«
   Ihre Mutter kommt herauf, aber Mia sagt, dass sie es übernimmt, Joshua anzuziehen. Sie nickt Mia zu. Danke, sagt das Nicken, bei dir fühlt er sich wohl, große Schwester. Bei dir ist er bestens aufgehoben. Gleichgültig, was geschieht.
   Aus einem abstrusen Impuls heraus versetzt die wortlose Zustimmung Mia in Sorge, die sie aber beiseitedrängt. Sie packt Joshua warm ein. Danach machen sie sich auf den Weg. Über Bürgersteige, von denen manche nicht gestreut oder von Schnee befreit sind. Sie reden und lachen, Atemluft ausstoßend wie dampfende Teekessel auf zwei Beinen.
   Ihre Gänsehaut schiebt Mia auf den Winterwind.

Am Ende der Straße bemerkt Mia ihren Geigenlehrer und großväterlichen Freund hinter seinem Fenster, das nie eine Gardine verhängt. Zur Weihnachtszeit ist es von einer schlichten Tannengirlande eingefasst.
   Wenn es warm ist, das Fenster offensteht und Balthazár Violine spielt, trägt der aus Süden kommende Wind die Stücke bis zum Königshaus. So schön gespielt, wie Mia es gern könnte. Eine kleine Nachtmusik, Für Elise, Brahms Wiegenlied, die Mondscheinsonate. Sein am häufigsten gespieltes Stück ist Schwanensee.
   Unter den Schluchzern seiner Geige denkt Balthazár an schmerzlich Schönes. Bei den ersten Klängen legt sich sein runzliges Gesicht noch mehr in Fältchen. Als wäre es aus zerknülltem und anschließend notdürftig glatt gestrichenem Notenpapier. Doch je länger Balthazár spielt, desto knitterfreier wird das vergilbte Notenpapiergesicht, desto ruhiger. Friedlich.
   Einmal, als Mia ihm Äpfel brachte und fragte, weshalb es sein Lieblingsstück sei, antwortete er, seine Schwester Bele hätte danach Ballett getanzt. Sie sei sehr jung gestorben. Viel zu früh. Wie seine Eltern.
   »Mia, deine Mutter gleicht meiner Mutter, und du ähnelst Bele. Schaue ich dich an, schaue ich ein klein wenig meine Schwester an.«
   Balthazár, der um Mias Märchenleidenschaft wusste, erzählte ihr das Märchen zu dem Ballett, Beles Märchen. Von der Prinzessin, die der Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelte. Dass sich ein Prinz in die Schwanenprinzessin verliebte – was der Zauberer nicht duldete. Und schließlich das Ende.
   »Eigentlich gibt es deren vier, Mia. Drei gehen tragisch aus.« Balthazár seufzte und zählte die Enden auf: Im ersten ließ Rotbart eine mächtige Welle aus dem See den Prinzen verschlingen. Der Ärmste ertrank. In der zweiten Variante rettete die Prinzessin ihren Liebsten; ertrank jedoch an seiner statt. In der dritten, für Mia das abscheulichste Aus, ertranken beide! Im vierten Ende, Mias, Beles und Balthazárs Favorit, rettete die Schwanenprinzessin den Liebsten. Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.
   Den größten Teil des Nachmittags hatte Mia Balthazár zugehört. Dabei aß sie drei der fünf Resi-Äpfel, die er aus dem Backofen zog und mit Vanillesoße übergoss.
   Bei Kälte steht das Fenster mit der Tannengirlande manchmal auf Kipp. Heute ist es fest geschlossen. Balthazár hebt eine Hand zum Gruß. Mia winkt zurück. Als sich der Geigenlehrer abwendet, die Violine zur Schulter hebt und sein zerknittertes Notenpapiergesicht zeigt, ist sich Mia sicher, er geigt Schwanensee. Sie hofft, das mit dem glücklichen Ende. Jedes Märchen muss ein Happy End haben! Alles andere wäre grausam.

Am See glänzen Schnee und Eis unter einem unglaublich blauen Himmel um die Wette. Mia blinzelt. Die Sonne strahlt dermaßen, dass sie fürchtet, es könnte tauen. Doch die trockene Luft bleibt eiskalt. Selbst ihre Zehen in den gefütterten Stiefeln spüren das. Besonders die kleinen Zehen.
   Die Wege sind menschenleer. Nur auf dem Tiefen See pflügen sechs, sieben Jugendliche lachend und krakeelend über das Eis. Mia ist froh, nicht in diesem Pulk zu stecken. Als die Teenager abziehen, kehrt Ruhe ein.
   Auf der gegenüberliegenden Uferseite schlittert eine Frau neben ihrem Retriever am Rand des Sees entlang. Der Hund schlittert ebenfalls, was lustig aussieht.
   Ihr Vater fegt den Schnee von einer der Holzbänke. Sie haben sich gerade niedergelassen, als Mia ihn in einiger Entfernung entdeckt.
   Unten, an dem im Winter verwaisten Bootssteg, ragt mit steifem Rücken ein Mann auf. Er trägt einen schweren schwarzen Mantel. Wie aus Karbon. Sein Gesicht liegt im Schatten einer tiefen Kapuze. Der schwarze Mann ist dürr. Lange, hölzerne Finger ragen unbehandschuht aus den Ärmeln.
   Mia mag ihn nicht. Dabei beachtet er sie nicht mal. Oder Joshua oder ihren Vater. Einzig ihrer Mutter gilt seine Aufmerksamkeit. Der Kopf unter der Schwarzkapuze folgt ihren Bahnen.
   Selbstvergessen dreht ihre Mutter Pirouetten. Sie tanzt die Küren von damals. Sehnsüchtig begleiten Mias Blicke sie. Ein Wunsch steht in Leuchtschrift darin geschrieben: Ich möchte sein wie Mama.
   »Tomm, Mia, fang mich«, schreit Joshua.
   Mit Monsterstimme grollt sie, dass sie ihn schnappen wird. Der Tag auf dem Tiefen See ist die reine Freude. Sie spielen Fangen und fahren um die Wette. Danach übt Mia mit ihrer Mutter Pirouetten. Als sich die Dämmerung anschleicht, wird es Zeit, die Schlittschuhe wieder gegen Stiefel zu tauschen. Mia setzt sich auf die Bank. Sie wechselt erst ihr, danach Joshuas Schuhwerk.
   Im Widerschein der untergehenden Sonne gleiten die Eisprinzessin und der Winterkönig weiter auf dem Eis dahin. Zwei Gestalten, Hand in Hand.
   Schemen, wie mit weicher Grafitkreide gezeichnet. Verstohlen rückt das Halbdunkel näher. Nur um ihre Silhouetten schimmert noch silbern das letzte Licht, Koronen wie bei einer irdischen Eklipse. Bei dem schönen Bild steigen in Mia Tränen auf. Bis die Eltern zu ihnen kommen und der Zauber verfliegt. Zurück bleibt ein Tränenbrennen hinter Mias Lidern. Neben ihrem flüchtigen Wahrnehmen der abendbeschatteten Karbongestalt am Ende des hölzernen Stegs – der in eine andere Welt zu führen scheint.

Obwohl der Heimweg kurz ist, werden Mia die Beine schwer. »Stiefellaufen ist viel anstrengender als Schlittschuhlaufen.« Sie stöhnt und meint, kaum einen Schritt voranzukommen. Wie beneidet sie Joshua auf Vaters Schultern!
   Um sich vom Laufen abzulenken, fängt Mia an zu singen. »Es ist für uns eine Zeit angekommen, sie bringt uns eine große Freud’. Übers schneebeglänzte Feld wandern wir, wandern wir durch die weite, weiße Welt.«
   »Es schlafen Bächlein und See unterm Eise, es träumt der Wald einen tiefen Traum. Durch den Schnee, der leise fällt, wandern wir, wandern wir durch die weite weiße Welt«, stimmt ihre Mutter mit ein.
   Die letzte Strophe singt auch Vater mit, sodass es dreistimmig erschallt. »Vom hohen Himmel ein leuchtendes Schweigen erfüllt die Herzen mit Seligkeit. Unterm sternbeglänzten Zelt wandern wir, wandern wir durch die weite weiße Welt.«
   Erst lacht nur Mia, aber dann lachen sie zu viert, und das Gelächter ist wie ein unsichtbares Band zwischen ihnen.

Als es um fünf Uhr mit Macht dunkel wird, biegen sie in ihre Straße ein. Tine steht mit von Schlaf gezeichnetem Gesichtsausdruck vor ihrer Haustür, als hätte sie auf die Heimkehrer gewartet.
   »Ihr werdet sehen«, prophezeit David gespielt düster, »sie wird gleich fragen, ob wir Herrn oder Frau Wie-auch-immer kennen, um anschließend herzlos das Ableben der bedauernswerten Person zu verkünden. Wollen wir wetten?«
   Aber diese Wette hätte er verloren.
   »Seid ihr in Ordnung?«, ruft Tine.
   »Natürlich«, antwortet Hanna. »Auf dem Eis war es herrlich. Du hättest mitkommen sollen. – Wie war dein Nachmittag?« Und mit Blick auf Tines Haare: »Du wirkst … derangiert.«
   »Ich bin auf dem Sofa eingeschlafen und hatte einen aufwühlenden Traum.« Von Tines Gesicht löst sich ein Schatten, als würde ein dunkler Falter davonfliegen. Ein Schmunzeln zeigt sich zögerlich. »Richtig abgefahren. Den muss ich dir unbedingt erzählen.« Sie gähnt herzhaft. »Morgen!«
   Sie verschwindet ins Haus.
   Der Schneekerl Hubertus grüßt mit seinem pinkfarbenen Legolächeln. Hinter den Fenstern des Königshauses sind die Lichterbögen angesprungen und heißen sie willkommen.
   Im Wohnzimmer beim Kamin steht noch der Weihnachtsbaum, den sie morgen abschmücken wollen. Auch seine Kerzen leuchten. Ein letztes Mal.
   Alle sind durchgefroren, erschöpft und ausgehungert, doch rundum glücklich.
   Als gäbe es kein Leid.

Schneeflocken, die ins Wasser fallen,
stoßen wegen der winzigen,
in ihrem Inneren eingeschlossenen Luftblasen
eine Art Schrei aus, ehe sie vergehen.
Der Schrei ist so hoch und schrill,
dass ein menschliches Ohr ihn nicht wahrnimmt.
Normalerweise.
Das weiß ich von Papa, der als Junge einmal,
ein einziges Mal,
einen solchen Todesschrei gehört hat!
Diese Geschichte zählt zu meinen liebsten,
obwohl sie traurig ist. Papa sagt, dass jeder Mensch instinktiv einen Todesschrei als einen solchen erkennt.
Sogar jedes Lebewesen!
Weil ein Todesschrei mit keinem anderen Schrei auf der Welt vergleichbar ist.

Mia

Märchentod

Zu Mias Freude gibt es selbst gemachte Tomatensuppe und überbackenen Käsetoast. Ihre Mutter bittet sie, sich nach dem Abendessen um den Bruder zu kümmern, denn sie arbeitet als Illustratorin für Kinderbücher und ist über die Feiertage in Terminverzug geraten.
   Ihr Vater ist Unternehmensberater. Er hat einem möglichen Neukunden versprochen, an diesem Abend bei ihm vorbeizukommen.
   Mia muss sich öfter um Joshua kümmern. Das ergibt sich eben bei einer Mutter, die sich an feste Abgabetermine zu halten hat, und mit einem Vater, der viel unterwegs ist. Doch sie beschäftigt sich gern mit dem Kleinen und macht ihn gewissenhaft zum Schlafengehen fertig.
   Draußen ist es scheinbar wärmer geworden, denn es fängt wieder zu schneien an.
   »Mia, tannst du mir eine Geschichte erzählen?«, bettelt Joshua, als Mia um ihn und Tleiner die Bettdecke feststopft.
   »Klar.« An diesem Abend übernimmt sie es für den Vater, Joshua seine Lieblingsspukgeschichte zu erzählen. »Also, Joshi, auf dem Gipfel eines Berges haust ein Geist. Im Sommer spukt er auf der Bergweide herum. Doch im Winter kommt er herunter, und sein unheimliches Klagen klingt durch die eiskalten Frostnächte. Weho!, heult er.« Lustig wehklagt Mia, was die Stimme hergibt, wie ihr Vater es sonst tut. »Weho! Weho! Weißt du, der Geist ist ein Hirtenjunge, der Kälbchen mit einem Kruzifix geschlagen hat. Das bemerkte der Heilige Leonhard, der ihn zur Strafe verfluchte. Einige Leute sagen zwar, vor Jahren kam ein alter Almhirt und erlöste den Jungen, die meisten behaupten aber, dass der Hirtenjunge noch heute durch die Winternächte irrt und Weho! ruft. Und das bedeutet nichts anderes als Wehe! oder Weh mir! Er ist noch immer auf der Suche nach jemandem, der ihn rettet.«
   »Weeehooo«, heult Joshua im wohligen Grusel.
   Mia hört Mutters Lachen aus deren Arbeitszimmer am Ende des Korridors gedämpft bis zu ihnen dringen. In Mias Bauch, direkt hinter dem Nabel, wird es hell und warm.
   »Gute Nacht, Joshi.«
   »Und Tleiner?«
   »Gute Nacht, Tleiner.« Sie lässt die Vorhänge vor dem Fenster eine Handbreit aufstehen. »Du kannst den Schneeflocken zusehen, Joshi. Das macht mehr Spaß als Schäfchen zählen.«
   Ein inniger Kuss von Mias weichen Mädchenlippen auf die zarte Stirn des kleinen Jungen. Die Geschwister lächeln einander zu, ehe Mia in ihr Zimmer geht und über sich selbst den Kopf schüttelt. Für eine schreckliche, schreckliche Sekunde hatte sie tatsächlich gemeint, es wäre das letzte Mal, dass ihr Bruder sie im Königshaus voll kindlichem Glück anlächelt.

Diese Nacht ist anders. Die Lautlosigkeit erscheint vollkommener. Die Dunkelheit tiefer, unergründlicher. Die Temperaturen über Winteraue steigen unmerklich. Vereinzelt tröpfelt Tauschnee in Tränenform von den Bäumen. Als würden sie weinen.
   Im Königshaus dagegen ist es ungewöhnlich kühl.
   Die Kälte ist widernatürlich, nicht von dieser Welt. Sie streift durch die Räume, kriecht in Mias Bett und dringt bis in ihr Mark. Im Schlaf rollt Mia sich unwillkürlich zusammen und kriecht, leise wimmernd, tiefer in die Laken.
   Der Schlag ihres Mädchenherzens verändert sich, ist stolpernd und schnell. Als liefe Mia angestrengt über Wurzelwerk und Gestein vor etwas davon.
   Das Herzstraucheln ist es, was sie aus dem Schlaf holt. Dazu der Schrei da draußen in der zu milden, weinenden Nacht. Mia wirft die Decke zurück. Barfuß geht sie zum Fenster, wo sie das Rollo hochzieht.
   Ein lichter Himmel wölbt sich grenzenlos über Sternengestöber und Sichelmond. Darunter steht Hubertus Schneekerl stoisch auf der Wiese. Sein Schal weht im Wind, misstrauisch beäugt vom rauchblauen Beau. Der Kater schlägt mit der Pfote nach den Schalenden, ehe er, flach wie ein Biberschwanz, in Tines Garten entschwindet.
   Es muss Beau gewesen sein, der eigenartig miaut hat. Vielleicht waren es auch Murr oder Pippa.
   Mia blinzelt benommen. Sie will zurück unter die sichere Decke. Der Nachhall des vermeintlichen Schreis verzieht sich in den Hintergrund ihres Bewusstseins. Sie gähnt.
   War das wirklich ein Schrei Beaus gewesen?
   Oder hatte sie ihre Mutter gehört?
   Den Vater?
   Quatsch!
   Mia schlingt die Arme um ihren Körper und wendet sich vom Fenster ab. Sie öffnet die Tür ihres Zimmers. Es ist das letzte auf dem Gang. Konzentriert horcht sie auf die nächtlichen Geräusche im und ums Haus.
   Da ist das eindringliche Tuscheln des Windes, das durch sämtliche Ritzen dringt und ihren Namen zu säuseln scheint. Hier und da ist ein Knacken zu hören und aus dem Raum nebenan dringt das schmatzende Geräusch, das entsteht, wenn Joshua an einem von Tleiners Stoffbeinen saugt.
   Sonst nichts.
   Keine Schreie. Aber ebenso wenig das beruhigende Schnarchen ihres Vaters. Keine schlaftrunkenen Bewegungen ihrer Mutter, begleitet vom Geraschel des Bettzeugs, wie es gewöhnlich der Fall ist.
   Das absonderliche Fehlen der vertrauten Geräuschkulisse lässt Mia einen Anflug von Nervosität verspüren. In ihrem Magen zieht sich Substanzloses zusammen, wird schwer und fest und raureifkalt.
   »Sei nicht blöd«, flüstert sie in das geisterhafte Vakuum. »Sie schlafen! Was sonst? Schau nach, und du wirst sehen.«
   Eilig setzt Mia einen nackten Fuß vor den anderen. Bald darauf findet sie sich an Joshuas Bettchen wieder, in dem der Bruder schläft. Er hat sich freigestrampelt und lutscht schlafversunken an einem Kamelbein. Saugende Schmatzgeräusche mischen sich in seine Atemzüge. Seine Locken sind ein feinhaariges Gespinst um das entspannte Gesicht. Behutsam zieht Mia die Decke wieder über ihn und geht leise hinaus.
   Zum Schlafzimmer der Eltern.
   In dem es ruhig ist, so ruhig.
   Ein angsterfüllter Teil in ihr will partout nicht dort hinein, wiegelt ihre Sorgen ab, behauptet, die Eltern liegen in ihren Betten. Sicher und geborgen. Der andere Teil drängt umso mehr, wird ungeduldig, zischt ihr zu: Mach schon, mach schon, mach schon!
   Inzwischen ist Mia hellwach und die treibende Kraft, die Klarheit will, zwingt sie vorwärts.
   Natürlich sind sie da, denkt Mia trotzig. Wo sollen sie sonst sein? Doch sie kaut am Daumennagel; dabei hat sie sich das Nägelknabbern seit Jahren abgewöhnt. Sie fetzt ein Stückchen Haut ab. Es tut weh, es blutet. Zischend steckt sie den Daumen in den Mund und drückt ihn gegen die Zunge.
   Schluss jetzt. Sie wird ins Elternschlafzimmer gehen. Sofort! Sie wird einen Blick auf die Schlafenden werfen, beruhigt hinausschleichen, in der Küche ein Glas Milch trinken und anschließend in ihr Bett zurückkehren, wo sie einfach noch einmal ganz von vorn mit dem Einschlafen beginnt.
   Mia zieht den Daumen aus dem Mund und stößt die angelehnte Tür auf. Geräuschlos schwingt sie zurück. Das Schlafzimmer ist eines der gemütlichen Sorte. Mit einem schweren Bauernschrank und einem ausladenden Bett, das unter dem Fenster mit den blau karierten Landhausgardinen Hof hält.
   Die Vorhänge sind nicht vorgezogen. Das bauschige, in Mondschein getauchte Bettzeug, sieht aus wie frische Schneehügel: weiß, schimmernd und verlassen.
   Unangetastet.
   Mia runzelt die Stirn. Sie macht kehrt, läuft nach unten, ins Wohnzimmer, in die Küche. Hastet von leerem Raum zu leerem Raum. Erst rufend, danach noch einmal stumm vor Beklommenheit. Schließlich richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf die Garderobe.
   Jacken, Schuhe, Mützen, Handschuhe der Eltern sind weg. Ebenso ihre Schlittschuhe, die sie am Abend auf einer Matte dort abgestellt hatten. Gleich vor Mias. Da sind nur noch die kleinen Hockeyschlittschuhe Joshuas neben ihren feinkufigen Eiskunstlaufschuhen.
   Die kalte Ballung in Mias Magen wird noch kälter. Sie schluckt. Sogar der Speichel, den sie hinunterzwingt, ist kühl. Ihr Verstand summt wie Telegrafendrähte. Im Geiste eilt sie bereits aus dem Haus. Den Weg hinunter, weiter durch das kahle schwarzholzige Wäldchen und noch weiter.
   Zum abgrundtiefen Tiefen See.
   Mit fliegenden Fingern schnürt sie ihre Stiefel, zieht die Winterjacke über den Pyjama und die Handschuhe an und tritt vor die Tür, ohne sie richtig ins Schloss zu ziehen.
   Ihr Kopf und Gesicht sind dem Wind ausgesetzt. Aber der ist mild! In der Luft liegt unverkennbar der Geruch tauender, feuchter Erde. Verstohlen kriecht er unter dem Schnee hervor wie unter einem klammen Leichentuch.
   Der Raureif von Mias Magenballung breitet sich auf ihre Eingeweide aus. Alles um sie ist unheimlich scharf umrissen. Wie an dem Tag mit Joshua im Schattentheater, denkt sie. Das Schwefelholz-Mädchen, das verlassen durch die Dunkelheit irrte.
   Schneezertrampelt liegt der Weg im Mond- und Sternenlicht vor ihr. Die Schatten unter den Bäumen nehmen unheimliche Gestalten an. Manche sind bedrohlich, geradezu Furcht einflößend. Mia ängstigt sich und versucht, den Schatten auszuweichen. Es gelingt ihr nicht. Schemenklauen greifen nach ihr, ohne sie halten zu können. Aber was, wenn sie Mia doch erwischen und halten? Sie umschließen, stärker und stärker und noch stärker? Bis sie keine Luft mehr bekommt und der letzte Lebensfunke aus ihr herausgepresst ist?
   Einer der kahlen schwarzen Baumwandler bewegt sich. Sie hat es aus den Augenwinkeln bemerkt! All ihren Mut zusammennehmend, bleibt sie stehen und inspiziert die Stelle.
   Doch der Baumschatten ist wieder zu einem Baumschatten geworden und schweigt vor sich hin.
   Bis zur nächsten, verfluchten Nacht. Sie schaudert. Erfolglos ruft sie nach den Eltern. Weil der Schall weit trägt, klingt es, als rufe sie »Maapaa, Maapaa!«
   Mit flatternden Nerven hastet Mia weiter. Auf ihrem düsteren Lauf durch die Nacht ist sie abwechselnd panisch und hoffnungsvoll. Unmöglich, sagt sie sich, kann ich einen Schrei vom See bis in mein Zimmer hören. Was bedeutet, dass niemand geschrien hat. – Andererseits, hält sie dagegen, habe ich definitiv etwas gehört, das wie ein Schrei klang. Vielleicht mit meinem … inneren Ohr.
   Und was sich danach anhört, muss ein Schrei sein!
   Sie erinnert sich an den Schrei der ertrinkenden Schneeflocke, von dem Vater erzählte. Den jeder instinktiv als das erkennen muss, was er ist: ein Todesschrei.
   So hat das, was sie meint, gehört zu haben, geklungen. Wie ein Todesschrei.
   Mia schwitzt. Sie hastet weiter, getragen von den matschigen Schritten ihrer Stiefel im schweren Schnee. Der Wind schlägt ihr ins Gesicht und reißt ihr die keuchenden Atemzüge von den Lippen. Endlich tritt sie aus dem Wäldchen. Sie überwindet die kurze Distanz zum Tiefen See und erreicht das zugefrorene Gewässer. Ruhig und verlassen liegt der Tiefe See vor ihr. Als hielte er Winterschlaf. Oder würde sich schlafend stellen, um lästigen Nachfragen zu entgehen.
   Mia atmet auf, da lässt ein furchterregendes Knirschen sie aufmerken. Es rumort weit draußen, von der Mitte des Tiefen Sees her.
   Im nächsten Moment stolpert Mia über das Eis. Beinahe gleichzeitig erklingt ein bodenloses Gluckern. Es scheint von überallher zu kommen. Sie bleibt stehen und sieht nach unten: Es ist, als stünde sie auf einer stumpfen, verkratzen Milchglasscheibe. Sie meint, Blasen unter dem Glas zu erkennen. Da und dort sind gefrorene Einschlüsse, die wie Splitter aussehen. Sie passen zu den haarfeinen Rissen, die sich unter ihren Sohlen bilden. Angsterfüllt überlegt Mia, ob es brüchige Stellen sind, die Gefahr bergen.
   Mit aller Macht wendet sie den Blick ab, strafft sich, setzt sich abermals in Bewegung. Als sie später noch einmal nach unten sieht, gibt es keine Blasen und Risse mehr. Das Eis erscheint fest, auch wenn sich vereinzelt winzige Pfützchen bilden.
   Doch vor ihr ertönt ein knirschendes Reißen. Ihr schlottern die Knie, als sie darauf zuhält. Bedächtig schiebt sie die Füße vorwärts, zuerst den rechten, dann den linken.
   Weiter schlurft sie Stück für Stück voran. Bis sie den Ursprung des entsetzlichen Geräusches erreicht hat.
   Es dauert mehrere Sekunden, bis ihr klar wird, was sie sieht. Da ist ein klaffendes Loch im Eis. Riesengroß und voll schwarzem Wasser. Und auf dem schwarzen Wasser, da treibt eine Hand. Oder nein! Ein Handschuh. Der Handschuh der Eisprinzessin. Hell wie die schaumige Gischt aufgewühlter Wellen. Ehe er unfassbar langsam versinkt. Die Finger bewegen sich, als winkten sie Mia ein allerletztes Mal zu.
   Sie steht vor dem scharfkantigen Loch. Diesem Maul mit Zackenzähnen, das lautlos aus dem knackenden Eis gähnt. Vor dem entsetzlich schwarzen, entsetzlich stillen Lochmaul.
   »Mama? Papa? – Maamaapaapaa? – MaaamaaaPaaapaaa!«, schreit sie hinein.
   Es kommt keine Antwort. Lediglich ein Echo geistert durch die Luft und von unten winkt die Hand der Eisprinzessin zum Abschied. Sie tut es unaufhörlich. Um sie herum steigen wie gläserne Perlen Silberbläschen auf.
   Ohne ihr bewusstes Dazutun winkt Mia zurück, bis die Konturen der Winkehand unscharf werden, sich auflösen und da nur noch Schwärze ist.
   »Mapa … Maapaa … Maaapaaa …«, fegt es über Mias Lippen.
   Das Lochmaul bleibt stumm, aber seine Abgrundtiefe zerrt an Mia.
   Tückisch.
   Hypnotisch.
   Wird die Sogwirkung sie näher locken? Anziehen, einsaugen und verschlingen?
   Sie probiert, ob sie sich bewegen kann.
   Nach einer Ewigkeit schafft sie es. Zuerst wendet sie den Blick ab und geht langsam rückwärts. Fort von dem gefräßigen Schlund mit den Eiszähnen. Weg im Krebsgang – bis sie festen Boden unter den Stiefeln spürt und Schnee matscht. Sie geht an Land. Neben dem Bootssteg, auf dem der dürre Mann mit dem Karbonmantel gestanden hat. Da erst bleibt sie stehen, als hätten sie sämtliche Kräfte verlassen.
   Mia hat eine Vision. Ein entsetzliches, klares Bild ihres Handys auf ihrem Schreibtisch. Wie es im Schein der Lampe neben der Porzellankatze Ester am Ladekabel hängt.
   Unerreichbar und ganz und gar nutzlos für sie.
   Ihre zusammengepressten Lippen beben, sie vermag es nicht zu beeinflussen. Sie kann nichts kontrollieren! Ebenso wenig das beginnende Wimmern, das sich hinter ihren Rippen ballt und aus ihr rauskriecht. Verhalten, doch so grauenvoll, dass Mia taub sein möchte.
   Das gehauchte Stöhnen ist entsetzlich anzuhören und endlos lang. Es tut weh, es wiegt schwer und unter dem Gewicht geht sie zu Boden.
   Sie windet sich im patschigen Schnee. Dabei hält sie sich die Hände vor den Brustkorb, als könnte sie Linderung bewirken. Was es nicht tut. Das Klagen, dieses herzbrechende Wehklagen, das klagt leise weiter aus der mageren Brust, obwohl es gellend aus ihr rauswill.
   Das Leid lässt Mia die Hände fortnehmen. Sie ballt sie zu Fäusten, reißt den Mund auf und schreit. Ihr Kreischen ist so markerschütternd, dass sie sich vor ihren eigenen Jammerlauten die Ohren zuhält. Sie blickt nicht auf den See, nicht zu dem Loch, sie blickt nicht in den Himmel, zum Wäldchen oder in den Schnee. Sie blickt ins Nirgendwo, das sich vor ihr auftut. Und ist froh, dass sie ihre Hände nicht sieht. Die nichts ausgerichtet haben als sinnloses Winken. Hände, die in den gleichen Handschuhen stecken, wie ihre Mutter sie trug.
   Fieberhaft zerrt Mia sie herunter. Sie schreit unaufhörlich. Mia fühlt sich, als wäre sie aus dem ärgsten Albtraum ihres Lebens erwacht. Nur um festzustellen, der Traum ist monströse Wirklichkeit geworden. Schlimmer als jeder böse Traum. Eine Realität voller Angst, Verzweiflung, Schreie. Grauenvoll. Es ist dieses Grauen, das Mia endlich zum Schweigen bringt. Wie eine Delinquentin kniet sie im Schnee.
   Bereit zu sterben.

Wir wagten nicht, ein Gebet zu hauchen.
Oder unserer Qual freien Lauf zu lassen.
Etwas war tot in jedem von uns.
Und tot war auch die Hoffnung.

Oscar Wilde
Schriftsteller

Eiskind

Balthazár quälen seit den Vierzigerjahren zunehmend schlaflose Nächte: Es fällt ihm schwer, überhaupt einzuschlafen. Ist es ihm endlich gelungen, wacht er viel zu früh wieder auf. Und es wird von Nacht zu Nacht früher, sodass er denkt, es lohnt sich kaum, zu Bett zu gehen.
   In mondhellen Nächten zieht er es vor, die Gegend zu durchstreifen, statt, auf dem Rücken liegend, Löcher in die Luft zu starren. Oder zu versuchen, die unbehaglichen Gedanken in Schach zu halten, die jeden Schlaflosen anfallen, um sich an ihm festzusaugen wie Zecken. Erst klein und unscheinbar, nähren sie sich an ihrem Wirt und werden prall wie reife Weinbeeren.
   Lieber hätte Balthazár Albträume! Dann läge er jedenfalls tief und fest im Schlummer. Doch den Schlaflosen sind nur wenige Träume beschert. Wenigstens bleibt ihm sein Nachtwandern. Und darüber ist er froh. Glücklich, hingehen zu können, wohin er will. Ganz egal, wann. Melodien vor sich hin summend oder schweigend, wie es ihm beliebt. Ein alter Mann mit geradem Kreuz und sensiblen Händen, die noch aussehen, als wären sie jung. Ein alter Mann ohne Familie. Ein alter Mann, der keine Handvoll Freunde hat. Ein alter Mann, der Federn sammelt.
   Kleine, bauschige Daunen. Mit filigranen, kurzen Kielen und feinsten verzweigten Federästchen. Leichter als leicht.
   Wenn Balthazár ein Federchen aufklaubt, sich seine Finger darum schließen, er es versehentlich zerdrückt und es später in das hohe Zylinderglas mit Deckel gleiten lässt, das auf seinem Nachttisch steht, entfaltet es sich und findet in seine Ursprungsform zurück.
   Jedes Mal.
   Kumulusweiß sind die Federn in dem zu dreiviertel gefüllten Glas. Bäusche wie von einer sonnendurchfluteten Quellwolke gezupft. Woher kommen sie? Wer oder was hat sie verloren, wenn sie aus einem unsichtbaren Riss im Himmel taumeln? Unvermittelt und ohne Vorwarnung. Genau vor Balthazárs Füße segelnd!
   Er weiß es nicht. Dennoch freut er sich daran, weil es ihn an Schwäne erinnert, und Schwäne erinnern ihn an seine Eltern und Bele.
   Heute Nacht aber schwebt keine Feder für Balthazár heran. Es taut und er spaziert bis zum Tiefen See. Hier gibt es den Himmel gleich zweimal: einen da oben über seinem kahlen Kopf (Balthazár trägt keine Kopfbedeckung, doch kurioserweise friert sein von der Zeit polierter Schädel nie). Und einen zweiten im Spiegelwasser zu seinen Füßen. Außer natürlich, falls es zugefroren ist. Dann sieht der See aus wie eine Scherbe des Wintermondes, die absplitterte und zur Erde fiel – was für Balthazár wenigstens wie ein Stück des Himmels ist.
   Er stapft voran, er nimmt an, dass ihm nicht kalt ist, weil er bereits bitterere Kälte ertragen musste. Damals, als seine unbeschwerte Kindheit in einem musikalischen Elternhaus in Ungarn abrupt zu Ende ging und er als Geigenjunge in einem Orchester des Grauens endete. 1943 war das, in Theresienstadt.
   Für die Nazis war das Getto eine Art Vorzeigeeinrichtung, weshalb es dort im Hinblick auf andere Lager relativ human zuging. Zu seinem grenzenlosen Erstaunen gab es viele Musiker! Eines Tages hörte Balthazár sie aus einem Café am Markt musizieren. Er ging schnurstracks hinein und fand sich bald als jüngster Musiker in ihren Reihen wieder.
   Später kam er nach Birkenau. Etwa acht Monate nach Bele und den Eltern. Gekleidet in einem gestreiften Anzug, der dünner war als ein Pyjama. Es war unvorstellbar kalt gewesen! Hier könnte das Wort Todeskälte entstanden sein. Es war die gleiche Kälte, die er im Mienenspiel vieler SS-Männer fand.
   Während Balthazár mit dem Orchester musizierte, vergaß er seinen knurrenden Magen, das Frieren, das Elend, die ausgezehrten Gestalten, dass er seine Familie nicht fand. Sogar die Häftlinge, die ins Gas gingen. Und die vielen Leichen.
   Er vergaß es kraft der Musik! Alles überspielte sie. Und er war froh darum. Bis heute verabscheut Balthazár es, sich an das zu erinnern, was unter der Musik verdeckt lag. An all die Kälte.
   Manchmal hatten sie im Lager versucht, gestohlenes Papier oder Stroh zum Auspolstern zu benutzen. Sie stopften es unter ihre Häftlingsjacke und zurrten es fest um den abgemagerten Leib, damit keiner es bemerkte.
   Natürlich war das unmöglich. Ertappten die Wächter einen Gefangenen, bekam derjenige schwerste Prügel. Das kam häufiger vor.
   Balthazár erwischten sie nicht.
   Er versuchte, sich von solchen Strafmaßnahmen so fern wie möglich zu halten, weil es ihm unerträglich war. Allmählich mutierte er zu einem Kind aus Eis, das ertrug, was es ertragen musste. Und tief in sich ist er ein Eiskind geblieben.
   Lass es ruhen. Das ist lang her und nicht ungeschehen zu machen.
   Bedächtig flaniert er am Ufer dahin. Im Gefolge die Geister der Eltern, Rékas und seiner Freunde. Sie alle haben es nicht geschafft.
   Bele, heiß ersehnt, spürt er nie.
   Obwohl Balthazár all das Sterben miterleben musste, war er über die ganze, grausame Zeit hinweg der festen Ansicht gewesen, dass er am Leben bleiben würde. Er dachte nicht an die Eventualität seines Todes. Wie das geschehen könnte. Es war zu unvorstellbar. Balthazár war naiv und kapierte nicht, in was für einer fatalen Lage er sich befand. Wahrscheinlich hatte ihm das geholfen, nicht zu verzagen. Zu hoffen, zu seinem Engel zu flehen (Aus diffusem Grund glaubte er, dass Engel weiße Schwingen haben. Wie Schwäne.) und letztendlich zu überleben.
   Ihn eingerechnet, bestand Balthazárs Roma-Familie vor dem Porajmos aus achtundvierzig Mitgliedern. Nach dem Verschlingen durch die Nazis gab es nur noch ihn und die greise Tante Réka in Winteraue. Zumindest hatten sie keinen Angehörigen ausfindig gemacht, sich zusammengetan und das Andenken an die Verlorenen mit Geschichten und Musik am Leben erhalten, bis Réka abberufen wurde und er endgültig allein war.
   Balthazár füllt seine Lungen mit der belebenden Winterluft. Es hilft, die lichtscheuen Zeckengedanken zu vertreiben.
   Da fällt eine Kumulusfeder vom Sternenhimmel.
   Balthazár formt die Hände zu einer Schale und fängt sie darin auf. Sorgsam bettet er sie in sein Taschentuch. Er schiebt es in die Jackentasche und spaziert weiter am Ufer entlang.
   Die Knie tun ihm bald weh. Müde ist er trotzdem nicht. Er verschnauft, bis die Schmerzen aufhören. Als das der Fall ist, wendet er sich um und schlägt die Richtung Heimat ein. An dieser Stelle meint er, unmittelbar vor sich eine Erscheinung von Bele zu haben.
   Er keucht.
   Für eine Schrecksekunde, nicht länger. Bis er das Mädchen erkennt. Seine kleine Freundin. Schlechteste Schülerin. Geschichtensüchtige. Mia, die Bele gleicht. Still ist sie, bleich und verspannt, in der Haltung eines betenden Kindes. Sie wirkt steif, als wäre sie eine der beweglichen hölzernen Gliederpuppen, die Künstler als Malhilfe verwenden und sich zurechtbiegen.
   Oder ein Kind aus Eis. Ich erkenne ein Eiskind, wenn ich eines vor mir habe.
   Zögernd verlässt Balthazár seinen Pfad und nähert sich ihr. Als er vor Mia steht, betrachtet er die Erstarrte mit unerklärlicher Scheu. Er wagt nicht, sie anzusprechen.
   Rechts und links neben ihr liegen Handschuhe im Schnee wie erfrorene Käuzchen. Die Kleidung ist dunkel vor Feuchtigkeit. In Mias Haaren haften Tröpfchen geschmolzener Schneeflocken. Ihre Lippen sind blau, und ihre Haut ist durchscheinend. Balthazár kann spinnenfeine amethystfarbene Geflechte darunter erkennen, sacht pulsierend.
   Dem Himmel sei Dank!
   »Mia?«, ringt er sich durch, sie anzusprechen. Er findet seine Stimme dünn, ein gedämpftes Geräusch in der Winterluft. Er räuspert sich, spricht fester. »Mia, hörst du mich?«
   Das Mädchen antwortet nicht.
   »He, geht es dir gut? Was machst du hier? Zu dieser Stunde! Und gottverlassen.« Er geht neben ihr in die Hocke. Seine Knie protestieren knackend. Balthazár beachtet es nicht. »Mia, willst du nach Hause?«
   »Mapa«, flüstert sie heiser ein Wort, das Balthazár nicht kennt.
   »Was sagst du?«
   »Mapa, Mapa«, greint der lilablaue Mund des Eiskindes, und das Greinen ist rau wie das Gejammer einer Sterbenden.
   Balthazár zuckt zurück.
   »Du willst zu deinen Eltern, hm? Zu Hanna und David.«
   Mias Lider flattern, ehe sie langsam über das hübsche Hellgrau ihrer Iriden wischen.
   Einmal.
   Er versteht das als Ja.
   »Na, komm her zu mir.« Behutsam nimmt er sie in die Arme. Ihm fällt auf, wie zartgliedrig sie ist, fragil. Da ist kein körperlicher Widerstand. Einige furchtbare Sekunden erscheint es Balthazár, als hielte er ein leeres Mäntelchen mit einem sprechenden Mädchenkopf, der oben herausschaut.
   Ihm graust.
   Mit knirschenden Kniescheiben richtet er sich auf. Sie ist nicht schwerer als ein Violinenkoffer, denkt er. Leicht wie Bele. Der Gedanke an seine Schwester beruhigt ihn. Er fragt sich, ob Mia schlafwandelt, wie Bele es tat. Als er aufrecht steht, bemerkt er Spuren im Schnee.
   Große Fußabdrücke, die tiefe Mulden zurückgelassen haben, und, dicht daneben, kleinere, mit weniger tiefen Mulden. Spuren eines Mannes und einer Frau. Davids Fußspur begleitet von Hannas. Weit ausgreifende Schritte haben sie hinterlassen, von übermütig gesetzten Füßen.
   Ein Stück daneben ist eine unordentliche Furche frischer Mädchenfußabdrücke, die verwischt sind. Wie es der Fall ist, wenn Füße in verzweifelter Hast gesetzt werden.
   Die drei Fährten enden am Tiefen See. Zurück zum Ufer führt nur die kleine, verwischte.
   Er blinzelt mehrmals. Die Spuren verändern sich nicht. Drei hin zum See. Eine zurück. Er presst Mia fester an sich und folgt den Stiefelabdrücken. Zögernd. Er will es im Grunde nicht. Besser, sich so fern wie möglich zu halten. Das hat sich bewährt. Doch er hält Mia. Die Tochter der Eisprinzessin. Er fühlt Freundschaft, Zuneigung. Und heftige Verzweiflung, weil er einfach nachsehen muss, wo die zwei Menschen zu den fehlenden Fußspuren abgeblieben sind. Also tut er es.
   Und bereut es bitterlich.

Später erscheinen ihm die Szenen dieser Nacht wie ein Film mit ohrenbetäubendem Ton. Es gibt zu viele Geräusche und es dröhnt zu laut für die traurigen Bilder: stapfen, Schmatzer unter Schuhsohlen, Mädchenschluchzen, Herzgepolter, Kleiderrascheln, stolperndes zum Stehen kommen.
   Das unrhythmische Atmen Balthazárs und Mias, während sich Sekunden bis ins Unendliche dehnen. Balthazárs Erfahrung nach wird Grauen in zwei Tempi wahrgenommen: zu schnell oder zu langsam, Zeitraffer oder Zeitlupe. Er hat nie herausgefunden, wovon das abhängig ist. Jedoch hat er beides durchlebt.
   Dieses Grauen hier, das jetzt in der Luft sirrt, kommt im Zeitlupentempo daher.
   Vielleicht, weil das, was davor geschah, schnell passierte.
   Der Weg über das patschige Eis behagt ihm nicht, es ist ein schwankender Boden unter ihnen. Er hört ein sattes Blubbern. Balthazár hält darauf zu und findet die gezackte Einbruchstelle. Wie der Rachen eines Molochs klafft sie im Eis. Von rechts treiben Stücke, die eben noch Teile der Eisdecke gewesen sein müssen, aufeinander zu. Als wären es herausgebrochene Zähne. Es knistert, wenn sie aneinanderstoßen, und gluckert, wenn sie versinken.
   Mia hält ihr Gesicht in seinem Mantelkragen verborgen.
   Unten im Schlund brodelt es träge. Balthazár erkennt Fontänen aufsteigender Sauerstoffbläschen im Wasser. Und da weiß er: Ich bin zu spät.
   Einem verzweifelten Hoffen gehorchend, richtet er sein Augenmerk auf das Ufer. Neben der Bank beim Bootssteg macht er Davids Lederboots und Hannas beigefarbene Stiefel aus. Auf die Besitzer wartend, wie der Rucksack.
   Das Maul im See macht ein Geräusch wie ein Rülpsen. Dann ist es still. Balthazár kann sehen, dass keine Silberblasen mehr aufsteigen. Die zwei Menschen unter der Eisdecke, auf dem Grund des Sees, der allzu tief ist, kann Balthazár nicht sehen.
   Ihm bleibt Hannas und Davids Anblick erspart, die wie versunkene Dummys Seite an Seite auf dem schlammigen Seengrund liegen. Ihre lichtstarren Pupillen signum mortis nach oben gerichtet.
   »Mapa.« Mia schluchzt an seinem Kragen.
   »Scht«, macht er bloß. »Scht, Scht.« Balthazár ist hilflos der Endgültigkeit ausgeliefert. Verstört und ahnungslos, was zu tun ist. Er besitzt kein Handy. Wozu eines mit sich herumtragen, wenn es nur so wenige Menschen in seinem Leben gibt, die er anrufen kann?
   Auf seine hervorgequetschte Frage nach Mias Handy, die er zweimal stellt, schüttelt sie den Kopf.
   »Wir gehen los und holen Hilfe. Es wird alles gut, Mia. Mit Gottes Hilfe.« Immer wieder stammelt er die drei Sätze. »Wir gehen los und holen Hilfe. Es wird alles gut, Mia. Mit Gottes Hilfe. – Wir gehen …«
   Er marschiert. »Hilfe! Hört mich jemand?«, ruft er plötzlich markerschütternd, passend zu dem Film mit überlautem Ton. »Wir brauchen hier Hilfe. Bitte!«
   Er trägt Mia, schleppt sie weg vom See. Durch das Wäldchen. In Richtung Dorf. Humpelnd, so schnell es mit den schmerzenden Knien und dem Gerufe möglich ist. Er ist darauf bedacht, das Eiskind nicht fester als nötig zu halten. Vorsichtig, aus Sorge, als wäre er fähig, sie tatsächlich zu zersplittern. Flüchtig denkt Balthazár, dass er ihre Handschuhe vergessen hat, lässt es aber dabei bewenden.
   Mias Pupillen sind schwarze Spiegel, in denen Balthazár sein Gesicht erkennt. Undeutlich ist sein Antlitz darin auszumachen. Perlgraupenklein, doch unverkennbar. Von Mias Wesen findet er in dieser Schwärze nichts.
   Balthazár hat in zu viele solcher Pupillenspiegel geblickt.
   Die Kehle tut ihm weh. Der Hals schmeckt wund wie nach Hustenanfällen. Balthazár ist es unmöglich, weiter laut zu rufen. Und der Weg, er nimmt kein Ende.
   Balthazár beginnt, diesmal unbewusst, Schwanensee zu summen. Er summt und summt, und läuft und läuft und fängt irrwitzigerweise an zu hoffen, dass die Frau und der Mann, deren Stiefel am Ufer ausharren, auf irgendeiner intakten Stelle des Sees Eislaufen. Dass er Hanna und David übersehen hat. Beinahe glaubt er sich und summt noch lauter, als es aus Mias Mund mit summt. Hohe Töne, klare Töne.
   Die Musik, von der der Lagerjunge Balthazár wusste, dass manche in den gestreiften Anzügen daraus Zuversicht schöpften. Weil sie meinten, dass ein Ort, an dem ein Orchester so schöne Musik spielte, weniger grauenvoll sein musste, wie man sich erzählte.
   Damals strich Balthazár den Schwan so leidenschaftlich und innig auf seiner Geige, wie er nur konnte. Er blendete die Zerlumpten aus, die Wachen, den Gestank, das Lager. Er erinnerte sich lieber an Bele, die sich als Elevin in duftigem Tüll weigerte, jenen Schwan zu tanzen, der seit der Ballerina Anna Pawlowa sterben muss.
   In Beles grazilem Mädchentanz fand Balthazár nur den herrlichen Schwan Camille Saint-Saëns, einem Himmelsgeschöpf. Erhaben glitt er über spiegelndes Wasser. Bis er sich in die Lüfte schwang, die mächtigen Schwingen weit aufgespannt. Sein Schatten hatte die Form eines Engels. Der Vogel war ein Hoffnungsträger. Er schien ihm ein Vorbote auf dem Weg zu einem besseren Ort zu sein.
   Balthazár, acht, neun oder zehn Jahre alt, flog mit ihm, wenn er seiner Schwester zuschaute. Da schien ihm der Himmel nah; später holte sich Balthazár ein Stück davon in die Hölle. Und jetzt hierher zu sich und Mia in seinen Armen.
   Ernüchtert verstummt er.
   Auf der Stelle schweigt die hohe Stimme aus Mias Mädchenmund.
   Sie wenden sich wie im stillen Einverständnis die Gesichter zu. Obwohl er über Mias Schweigen erleichtert ist und nicht mit Gewissheit weiß, was geschehen ist und ob er eine Waise trägt (er fürchtet es nur!), überschauert es ihn, was aus ihrer Miene zu ihm spricht.
   Er sagt die drei Sätze, sieht den Balthazár in den Spiegelpupillen den Mund bewegen. Gehetzt wendet er sich ab, stapft weiter. Stöhnend durchquert er den Wald. Endlich tauchen erste Häuser und Laternen auf. Balthazár biegt in die Straße, in der Mias Familie wohnt. Er kommt vor das Königshaus. Licht brennt schwach hinter den Fenstern. Geschnitzte Bögen. Kerzen eines Weihnachtsbaumes.
   Optimismus fängt den Geigenlehrer auf. Bis er den Lampenschein durch den aufstehenden Türspalt quellen sieht. Auf einmal beginnt im Haus ein Kind zu weinen.
   Joshua.
   »Mama! Papa«, ruft er. »Mia!« Das Weinen und Rufen geht weiter. Ohne, dass jemand kommt.
   Niemand lässt bei Nacht und im Winter eine Tür offenstehen, denkt Balthazár verzagt. Niemand mit einem Herz im Leib lässt einen kleinen Jungen weinen.
   Balthazár hat ein Herz im Leib. Es zittert und ist heiß, als wollte es sich durch seine Brust brennen. Balthazár tritt nicht geradewegs durch den Lichtspalt der Tür. Er geht nicht in das Haus. Er ruft nicht nach den Bewohnern.
   Balthazár wappnet sich.
   Dann erst setzt er Mia ab und tritt ein, um den Anruf zu tätigen.
   Wählt 112.
   Fragen.
   Antworten.
   Es dauert Sekunden, bis er fertig ist. Danach holt er Joshua, setzt beide Kinder in den großen roten Sessel neben den Kamin, in dem zusammengefallene Scheite unter Asche glimmen. Die elektrischen Kerzen am Tannenbaum flackern, sie imitieren lebendige Flammen.
   Balthazár fühlt sich hundeelend. Seine jungen Hände zittern. Falls es so etwas wie verzweifelte Hinterbliebene zweiten Grades gibt, ist er einer.

Nur eine Viertelstunde nach der Katastrophenmeldung sind sie im Königshaus nicht mehr allein. Sondern finden sich umgeben von Polizisten, Sanitätern und einem Seelsorger, der sich mit seiner schlichten Garderobe und dem Kollar gemessen von den anderen abhebt.
   Eine Notfallpsychologin in orangefarbener Weste fragt, ob jemand Hilfe braucht. Weil keine Reaktion erfolgt, zieht sie sich zurück. Draußen fährt der dunkle Wagen eines Bestatters vor. Es folgt ein zweiter.
   Im Haus weicht der Lärm von Aktivität, Joshis Weinen, Mias Schluchzen und Stimmengewirr, der Lautlosigkeit.
   Von hinter dem Sessel legt Balthazár eine schwere Hand auf Mias Kopf. Die andere ruht auf Joshuas. Balthazár beginnt zu summen.
   Schwanensee. Was soll er sonst tun? Was?
   Doch diesmal erscheint der Himmel unerreichbar fern.

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